Von Fahrradfahrern und ähnlichen Berlinern

Eines vorweg: dass man in Berlin so viel mit dem Fahrrad schafft ist große Klasse. Keine überfüllten Straßenbahnen, keine übel riechenden U-Bahnen, (meistens) kein Stau mit dem Auto und auch fast nie ein Parkplatzproblem. Auf den meisten Strecken ist man zudem schneller als irgendwie sonst. Deswegen würde ich auch nie auf mein Fahrrad verzichten wollen. Plädoyer Ende.

Jetzt wird natürlich auch viel darüber geredet und geschrieben, wie fahrradunfreundlich Berlin doch sei. Dass Stadtplanung und Stadtverwaltung viel zu wenig täten. Ja, auch ich könnte da Geschichten erzählen – von einer Baustellenabgrenzung die plötzlich mitten auf der Fahrbahn steht, zum Beispiel. Von Radwegen die große Ähnlichkeit mit Baumschulen haben. Aber darüber könnten sich auch Fußgänger, Autofahrer und die Gäste der manchmal fahrenden S-Bahn auslassen. Das gehört nunmal zu Berlin dazu. Wie das Wegebier.

Was ich mich allerdings jeden Morgen aufs Neue frage: Leute, was ist bloß in Euch gefahren? Und diese Frage bezieht sich zu 99 % auf meine lieben Mit-Fahrradfahrer. Seit fünf Jahren fahre ich an mindestens 10 Monaten meist 5 Mal die Woche mit dem Fahrrad ins Büro. Der Weg ist so erfreulich kurz (Straßenbahn 25 Minuten, Fahrrad 10 Minuten). Es gibt einen eigenen Fahrradstreifen, die Straßen sind breit und die Autos stauen sich ohnehin den Großteil des Wegs. Das Einzige was eben wirklich höchste Konzentration, schnelles Reagieren und ganz viel Geduld fordert, sind die anderen Menschen auf ihren Zweirädern. Und auch wenn sie vermutlich von ihren Ähnlichkeiten gar nichts wissen, es gibt sie in fünf verschiedenen Spezies:

1. Die Zufriedenen – „Guten Morgen Welt, hier bin ich“
Bevorzugt fahren sie ihre Wege wie die Skipiste – im Slalom. Mal auf dem Bürgersteig, mal auf der Straße, mal am Fahrradweg. Für den Rest der Welt ist nicht abzuschätzen, zu welchem Zeitpunkt sie planen, von dem einen zum anderen zu wechseln. Sie wirken glücklich und zufrieden mit sich selbst und brauchen auch niemanden außer sich. Was natürlich zur Folge hat, dass die Existenz anderer Wesen ihnen zumeist auch gar nicht in den Sinn zu kommen scheint. Manchmal tritt dieser Typ Fahrradfahrer auch zu zweit auf. Das ist sehr schön anzuschauen, weil sie dann Synchronfahren üben – nebeneinander versteht sich. Ob diese Disziplin jemals olympisch wird?

2. Die Überzeugten – „Weg hier, Welt. Hier komme ich“
Sie haben es eilig – und das soll auch jeder merken. Geschwindigkeit ist Trumpf und wer nicht mithalten kann, wird überholt. Im Idealfall. Manchmal muss der (oder die) Unterlegene  auch weichen – am besten von der Straße. Dann wird nämlich nicht nur überholt, sondern gedrängelt, bedrängt und auf tiefstem Inneren für die Langsamkeit verachtet. Das kann schon mal zu Vollbremsungen, Ausweichsrouten über Bürgersteige oder ins Grün enden. Sich beim Verursacher zu beschweren wäre eine Idee. Aber der hatte es ja eilig und ist längst weg.

3. Die Platzsparenden – „Da pass‘ ich auch noch rein“
Straßenkreuzung. 20 Fahrradfahrer im Pulk. Aber hey, ist da vorne nicht noch…? Doch! Da sind zwischen der Ampel und dem einen Fahrrad doch noch 20 cm Platz. Da muss ich jetzt hin. Schließlich macht meine Musik in den Kopfhörern so gute Laune, da kann ein wenig Kuscheln mit Mitmenschen auf Fahrrädern nicht schaden. Immer noch Straßenkreuzung. Ampel. Grün. Wie? Grün? Oh, wie gut dass ich mich in die Pole-Position gebracht habe. Da fällt’s nicht so auf, dass ich die grüne Ampel übersehen habe. Weil spätestens wenn der Letzte aus dem Pulk mich überholt hat, komm ich auch los. Aber hey, Klasse. Da vorne ist ja schon die nächste Ampel. Und ich seh‘ genau, da sind noch 20 cm….

4. Die Akkustischen – „Ich bin laut und wer’s nicht glaubt – dem beweis‘ ich’s“
7.45 Uhr. Montag. Berlin. Zugegeben noch ein wenig im Halbschlaf. Plötzlich dringt Gebrüll ans Ohr. Gut, Berlin eben. Plötzlich eine zweite Stimme. Also dann doch mal umdrehen. Ahja. Ein Fahrradfahrer brüllt durch’s offenen Fenster eines Autos. Aus dem Auto wird zurückgebrüllt. Lautstark. Was man alles so fluchen kann. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so früh in der Woche meinen Wortschatz noch aufbessern könnte. Aber gut, der Autofahrer hat’s wohl auch verdient. Wird dem Fahrradfahrer den Weg abgeschnitten haben. Ampel auf rot. Fahrradfahrer von hinten, immer noch in sich hineingrummelnd. Jetzt muss doch gleich grün werden. Der vor mir kann’s vor lauter Grummeln wohl nicht mehr erwarten. Rot ist ja auch eine schöne Farbe, um über die Kreuzung zu fahren. Reifenquietschen. Lautes Gebrüll. Da steht ein Fahrradfahrer mitten auf der Kreuzung und schreit in ein offenes Autofenster. Ja. Der Autofahrer hätte auch wirklich langsamer fahren können – es könnte ja ein Fahrradfahrer bei rot über die Kreuzung wollen. Guten Morgen, Berlin.

5. Die Unbetrübten – „Um 23 Uhr brauch ich kein Licht – ich leuchte von innen“
Vielleicht gibt es ja auch Überschneidungen, das ist so schwer festzustellen. Weil Kategorie 5 kommt bevorzugt nachts auf die Straßen – oder ähnliches. Wieviele von ihnen wirklich dem Schwarzen Block zuzuordnen sind kann ich nicht sagen. Aber wenn sie schon nicht schwarz gekleidet sind, dann doch möglichst unauffällig. Das passt oft auch gut zu ihren Rädern, die schon den einen oder anderen Vorbesitzer in ihrer jahrzehntelangen Berlin-Geschichte erlebt haben. Das ist vielleicht auch der Grund dafür, dass sie Licht aus Überzeugung ablehnen. Wenn ich kein Licht am Fahrrad habe, sieht mich keiner. Das soll auch so sein. Weil ich ja mit der Musik im Kopfhörer auch nichts höre. Und das ist dann nur fair – Chancengleichheit. Idealerweise sind diese jungen, unbetrübten Menschen dann aber ohnehin keine Gefahr auf der Straße. Berlin hat ja auch so viele Bürgersteige, auf denen fährt sich’s viel schneller. Fußgänger hat ohnehin Nachrang. Und wenn’s dann doch mal ein Radweg sein soll, dann … nehmen sie es mit Gelassenheit. Ohhmmmm

Am Ende denke ich mir, wenn ich dann doch heil im Büro (oder an anderen spannenden Orten in Berlin) angekommen bin: Liegt’s nicht doch an mir? Habe ich einfach kein Talent fürs Radfahren? Aber da kommt wohl wieder meine katholische Erziehung durch. Und morgen früh gehe ich dann wieder auf die Pirsch. Vielleicht entdecke ich ja noch eine neue Spezies… (Eigene Erfahrungen immer willkommen – und wer die bekannten Spezies mit Bildern belegen kann – immer gerne her damit!)

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