Schneeballschlacht am Busbahnhof. Prishtina, Peja und zurück.

Schnee in Prishtina, KosovoDann kam er, ganz entspannt, der zweite Tag unserer Reise. Beim Schlafengehen hatten wir noch Scherze gemacht – über die Wettervorhersage. Mit dem Scherzen war es beim Aufstehen vorbei – Prishtina war in wunderschönes, dichtes, winterlichstes Schneetreiben gehüllt. Was also tun? Auf zum Busbahnhof und bei nächster Gelegenheit nach Pec. Die Stadt liegt im Westen des Landes und die Fahrt dauert rund zwei Stunden. Perfekt also bei diesem Wetter. An dieser Stelle ein Tipp: Es stimmt, zum Busbahnhof kommt man nicht mit dem Bus – aber das Taxi ist leistbar. Der Empfang ist dafür reichlich trostlos, mitten in einer „Ungegend“, kaum Menschen, kein Bus jünger als 20 Jahre. Aber wir hatten ja Schnee genug für eine Schneeballschlacht.

Mit dem Bus durch den verschneiten Kosovo

Was von unserm Ausflug in Erinnerung bleibt, ist vor allem unser Busfahrer. Ich habe leider bis zum Schluss nicht verstanden wie er heißt, dafür weiß ich sonst recht viel von ihm. Er war 38 Jahre alt, verheiratet, 4 Brüder und 4 Schwestern. 10 Jahre lang hat er in Hannover als Busfahrer gearbeitet. Heute macht er das auf eigene Rechnung mit zwei Bussen im Kosovo. Die 4 Schwestern leben nach wie vor in Hannover – aber so wichtig sind sie nicht, im Familienverbund. Der ist bestimmt vom Bruder, der im Kosovokrieg von den Serben getötet wurde. Geschichten, die kein Mensch erleben sollte, Dinge, die keine Familie durchmachen sollte. Einige dieser Geschichten haben wir gehört, während wir mit unserem Fahrer Mittagessen waren. Er hat die Geschichten auf seine eigene Art zu etwas Normalem, Alltäglichen gemacht. Zu etwas, das nicht vergessen werden kann, was man nicht hinter sich lassen kann, was aber das Leben nicht mehr bestimmen darf. Im Café Europa, dem Stammlokal der Busfahrer von Pec. Serviert wurde auf Bestellung unseres Gastgebers eine Kosovarische Spezialität. Huhn mit Ei. Was der Frage danach, was zuerst war, eine ganz neue Richtung gibt.

Wären wir länger geblieben, unser Busfahrer hätte uns mit seinem privaten Auto das Land gezeigt. Er hätte uns zu seiner Familie eingeladen. Er hätte uns noch viel mehr Geschichten erzählt. Über seinen Bruder, seine Familie, die Gräuel der Serben, die Schönheiten des Kosovo und das gute Volk der Albaner. Denn eines Tages, davon ist er überzeugt, wird am Balkan wieder ein Großalbanien existieren. So bestand er nur darauf, uns zum Essen einzuladen. Zugegeben, das war uns allen Vieren reichlich unangenehm. Hätten wir abgelehnt, wäre er gekränkt gewesen. So geht nämlich Gastfreundschaft auf Kosovarisch.

Mit dem Bus durch den Kosovo

Pec im Kosovo
Ich gebe zu, es war spannend. Und auch ein wenig verwirrend. Unsere erste längere Begegnung mit einem albanischen Kosovaren. So mitteilsam, freundlich, respektvoll wie er, sollten sich noch einige Menschen zeigen. Aber noch ein paar Worte zu Pec: Hier wird Bier gebraut, es gibt ein hochklassiges Hotel, das Dukagjini, in dem man sich sonntags trifft. Zum Plaudern, Rauchen (ganz wichtig) Kaffee trinken. Die Jungs und Männer hier sehen zugegeben schon viel mehr so aus, wie man sich Albaner so vorstellt. Gegelte schwarze Haare, schwarze Lederjacke, dunkle Augen. Nicht dass wir uns unwohl gefühlt hätten, aber Peja, wie die Stadt auch heißt, ist spürbar anders als Prishtina. Auch besser in Schuss und mit wunderbaren, utopisch-jugoslawischen Bauten, die man viel öfter sehen möchte.

Den Sonntag spürten wir dann auch im Bus zurück. Voll bis auf den letzten Platz – das gilt auch für die Stehplätze – mit jungen Leuten die aussahen, als wären sie am Weg zur Uni. Draußen zogen wieder die für den Kosovo so typischen Bauten vorbei – rote Ziegel, unverputzt, ohne Fenster und Türen. Unser Busfahrer hatte uns erzählt, sie sind dem Enthusiasmus nach der Unabhängigkeit geschuldet. Wer nur irgendwie konnte, begann ein Haus zu bauen. Heute erinnern die unzähligen Rohbauten an diese Zeit und an stehen als Zeugnisse für Träume, die nicht in Erfüllung gegangen sind.

Dass wir zurück in Prishtina von einem jungen Kosovaren, im übertragenen Sinn, an die Hand genommen wurden um zu Fuß den Weg vom Busbahnhof in die Stadt zu finden, sei nur am Rande erwähnt. Weil ja, sie sind hilfsbereit und aufmerksam, die Kosovaren.

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