Reisen nach Albanien – warum das denn?

Wie hätten wir widerstehen können? Von Montenegros Küste nach Albanien sind es nur ein paar Kilometer – wenn man ohnehin schon mal im Süden ist. Zudem galt es ja Ms Geburtstag gebührlich zu feiern. Das hatten wir in den letzten Jahren ja auch schon in Lissabon und Bukarest gemacht. Also weiter im Auto gen Süden, einmal über eine 5 Kilometer lange Baustelle und schon hatten wir ihn erreicht: Den Grenzübergang ins sagenumwobene Albanien. Die Schlange vor uns war lang. Schnell ging es nur für die unzähligen Motorroller, die sich an den Autos vorbei schummelten und, weil vermutlich wohl bekannt mit den Kollegen an der Grenze, zwischen Zollgebäude und der eigentlichen Abfertigung im Nu im Nachbarland waren. Wir waren aber ja auf Reisen und nicht auf der Flucht, wozu also die Eile. Der freundliche Herr in Uniform fragte uns, als wir dann dran waren: What you do in Albania? Naja, dachte ich mir so, was tun wir hier eigentlich? Antwort: We are travelling, going on vacation to Albania. Recht offensichtlich hatte er mit der Antwort nicht geantwortet. Denn etwas irritiert fragte er daraufhin nur: Why???

Eine nette Begrüßung. Aber wir durften einreisen. Wie meist an Grenzen ist der Unterschied zwischen Land A und Land B durchaus beschränkt. So schien es auch hier – auf den ersten 500 Metern. Bis wir den ersten Eselkarren überholten. Bis wir merkten, wie wenig Verkehr auf den Straßen war. Bis wir in Shkodra angekommen waren. Die Stadt gilt als nördliches Zentrum Albaniens. Nicht, dass ich vorher je von ihr gehört hatte. In Erinnerung bleiben wird sie mir trotzdem. Denn erst bewahrheitete sich alles, was der konsultierte Reisführer versprach: „Das heutige Stadtbild ist noch immer von trostlosen Wohnblöcken aus kommunistischer Zeit, weiten Straßen, aber auch verwinkelten Gassen mit hohen Hofmauern geprägt. Im Zentrum sind in jüngster Zeit einige neue Hochhäuser und Gotteshäuser entstanden.“ Sehr einladend. Die Beschreibung hatte vergessen zu erwähnen, dass auch die Wohnhäuser in einem, sagen wir, erbärmlichen Zustand vor sich hin vegetieren. Dabei ist ihnen die Idee nach der sie gebaut wurden durchaus noch anzusehen. Lebenswerten Wohnraum für Menschen schaffen, dabei keine großen Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Schichten entstehen lassen. Und nach dem Schaffen nie wieder etwas verändern oder reparieren. So stellten sich die ersten Straßen dar. Arm, schmutzig, grau. Einzig die Menschen in den Cafés und Restaurants, und es gab viele von ihnen, waren gut gelaunt, freundlich und ziemlich neugierig. In der von uns ausgesuchten Bar wurden wir vom Inhaber begeistert begrüßt. Weil, wir ahnen es schon, er hat lange Zeit in Deutschland gelebt und Deutschland ist das beste Land der Welt.

Wir waren schon am Weg zurück zum Auto, bogen noch um eine Ecke, als plötzlich eine Stadt vor uns entstand, mit der keiner von uns gerechnet hätte. Hübsche Plätze mit Blumen, Bäumen und viel grün. Herrschaftliche Gebäude aus der letzten Jahrhundertwende. Saubere Straßen mit Pflastersteinen, bunte Häuser, Läden und Hotels. Hoppla. Der Reiseführer hatte uns da ganz offensichtlich etwas unterschlagen. Die schönen Seiten des nördlichen Albanien. Menschen in Loungemöblen, Musik aus Lautsprechern und Flair wie im schönsten Italien. Wie hätten wir widerstehen können – schon wieder. Und Ms Geburtstag war ja immer noch zu feiern. Stilgerecht haben wir uns das beste Haus am Platz ausgesucht. Lokale Küche, gehoben, mit Terrasse und Blick auf Kirche, Moschee und Fußgängerzone. Drei Kellner kümmerten sich rührend um uns. Zugegeben war das auch nötig, weil es mit unserem Albanisch ja nicht so weit her war. Mit Händen und Füßen wurde uns deshalb erklärt, was dort so auf der Karte stand. Die Entscheidung fiel auf eine Spezialität der Stadt: Fisch. Dazu Wein, Brot, Olivenöl und ein immer noch unheimlich zuvorkommender Kellner. Der Fisch war dann auch die Überraschung des Abends. Er kam in einer leichten Tomaten-Kräuter-Knoblauch-Sauce daher. Gut getarnt in einer Terrine – einer für jeden. Geschmacklich ein wundervolles Erlebnis. Zu Essen eine große Herausforderung. Wenn man nämlich nicht so genau sieht was man isst, was man isst aber mit großen und kleinen Gräten durchsetzt ist, wird das Mahl zum Schlachtfest. Wir hatten ja alle vier das Gleiche bestellt, am Tisch störte sich daher keiner an den Untaten der anderen. Zudem ist Slow Food ja auch in unseren Breiten derzeit sehr angesagt. 

Nach lukullischem Mahl zu Preisen wie vor 30 Jahren machten wir uns dann aber doch langsam auf den Weg in Richtung… wohin nochmal? Achja, Montenegro. Wir entschieden, die auf der Karte eingezeichnete Autobahn in Richtung Norden zu nehmen. Nur gut, wenn wir langsam aus der Stadt raus kämen. Die Straßen Richtung Norden waren alle aufgegraben, umgegraben, umgeleitet oder unauffindbar. Zu unserem Erstaunen änderte sich das aber nicht und nicht. Hatte jemand gesagt, eine Autobahn müsse einen Straßenbelag haben? Nicht in Albanien. Nach gefühlten zwei Stunden und 40 Kilometern hatte sich das Problem dann auch erledigt. Ein Felsbrocken zeigte uns an, dass die Straße dort ihr Ende habe. Es wohl doch ganz gut, dass wir kaum schneller als 30 km/h geschafft haben. Sonst hätten wir wohl eine Galionsfigur in Form eines Felsen nach Montenegro mitgebracht. Und wer weiß, ob der gestrenge Herr an der Grenze uns damit ins Land gelassen hätte. Seine Blicke hatten uns auch so schon Zweifel daran aufkommen lassen.

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