Reise durch Mitteldeutschland – Teil 3: Naumburg und Merseburg

Ich gebe zu, die Reise durch Mitteldeutschland hatte ich mir doch irgendwie noch anders vorgestellt. Nicht, dass ich sie mit einer Reise durch Mittelerde verwechselt hätte. Aber all diese klingenden Namen, all diese Erwartungen und die Vorfreude. Jetzt bin ich schon genug gereist um zu wissen, dass Offenheit und Neugierde eigentlich die viel besseren Wegbereiter sind. Aber ich war dann doch nicht gefeit… Vor der jungen Frau in der Fußgängerzone in Erfurt die ihrer Freundin erzählt, dass da im Wahlprogramm der NPD schon ein paar ziemlich gute Dinge stehen. Vor einem Real in Jena der real so aussieht, als wäre die Planwirtschaft wieder eingeführt worden. Vor einer Dorfschänke die neben Currywurst vor allem Pizza ausschenkt.

Aber ich will hier mal kein Bild von einem Dunkeldeutschland malen. Weil wir erstens Gotha entdeckt haben. Ein unglaublich süßes Kleinod, das zwischen den großen Namen fast in Vergessenheit gerät. Aber lasst das ja Elizabeth II. nicht wissen. Schließlich hat erst König George den Namen seines Hauses von Sachsen-Coburg-Gotha in Windsor geändert. Und auch in Belgien regieren derer zu Sachsen-Coburg-Gotha noch. Wo war ich stehen geblieben? Achja. B und ich machen uns auf den Weg von Jena nach Berlin – über selbst gewählte Umwege – noch zwei spannende Entdeckungen. Ich gebe zu, weder Naumburg noch Merseburg sind jetzt gerade Geheimtipps. Aber jedes auf seine Art hat etwas für sich.

Zuerst steuern wir also Naumburg an. Baumeister, Domschatz, Zaubersprüche. Was ich mit dieser Stadt, diesem Dom so alles schon verbinde, bevor ich überhaupt dort war. Vom Parkplatz aus sieht er lustig aus. Gar nicht so imposant wie ich erwartet hätte. Und gleichzeitig doch vollkommen überdimensioniert für diese kleine Stadt mit ihren 35.000 Einwohnern. Es waren aber auch schon 20 % mehr, noch vor den zahlreichen Eingemeindungen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zurück zum Dom. Bevor wir dein Eingang überhaupt finden, umrunden wir das dreischiffige Kirchenhaus mit seinen vier Türmen erst einmal. 1213 wurde mit den Bauarbeiten begonnen. Irgendwie ist das auch zu spüren. Beeindruckend, was die Menschen vor 800 Jahren zu Stande brachten. 1884 wurde der letzte Turm vollendet. Ja, auch das sieht man. Wie könnten sich 650 Jahre Bauzeit auch unbemerkt an einer Kirche verlieren? Von Frühromanisch bis Spätgotisch. Was uns nach dem Eingang erwartet, lässt sich schwer in Worte fassen. Große Räume die Geschichte zu atmen scheinen. Geländer mit fein zieselierten Figuren. Die berühmten 12 Stifter.

Eine Kapelle mit Fenstern von Neo Rauch. Ein Domschatz. Uralte Grabplatten. Chorgestühl auf dem viele Generationen von Geistlichen saßen, beteten, sangen. Erinnerungen an Elisabeth. Die Ruhe im Kreuzgang. Überall Hinweise auf den ominösen Meister von Naumburg. Die Fantasie geht mit mir durch. Wer er wohl war? Ob es ein Mensch war oder viele? Wie kann jemand so etwas erschaffen und niemand erinnert sich an sein Gesicht, seinen Namen?

Was soll ich sagen. Wir streifen zwei volle Stunden durch den Dom ohne es zu merken. An jeder Ecke gibt es etwas zu entdecken, Bilder zu machen, zu staunen. Es ist einfach nur beeindruckend und nach den zwei Stunden gehen wir – mit dem Gefühl wiederkommen, noch viel mehr entdecken zu können.

Aber erst soll die Reise ja noch weitergehen. Sind Naumburg und Merseburg doch nicht nur durch die vereinigten Domstifter miteinander verbunden. Nur dass Merseburg heute nicht mehr so viel zu bieten hat. Schloss und Dom finden sich in einem Ensemble zusammen. Im Innehof überall Hinweisschilder: Parken nur für Mitarbeiter der Kreisverwaltung. Auch hier atmet das Gebäude. Aber irgendwie ist es ein ziemlich schaler Atem, der uns entgegenschlägt. Dabei sind die Gebäude von außen wunderschön anzuschauen. Ein wenig erinnern sie mich an ein englisches Landschloss.  Von der Kreisverwaltung abgesehen. Und Merseburg steht für Geschichte. Für das Auf und Ab, das Kommen und Gehen. Gründung, Bistum, Aberkennung, Dom, Niedergang, Reformation, Residenzstadt, Stiftsregierung. 

Heute ist Merseburg gerade noch Verwaltungssitz und beherbert eine Fachhochschule. Das Leben ist beschaulich, die Menschen durchschnittlich freundlich. Hätte die Geschichte an der einen oder anderen Gabelung sich für den anderen Weg entschieden, Mersenburg könnte mit Schloss, Dom und malerischer Lage an der Saale ein reiches Zentrum sein. So zumindest stelle ich mir das vor, so zieht die Geschichte vor meinem inneren Auge vorüber. Und da sind sie dann auch wieder, die Zaubersprüche. Sie gehören nämlich zu Merseburg. Naumburg ist reich genug beschenkt. Im Keller des Doms kann man sich die Zaubersprüche vorlesen lassen. In moderner Sprache oder in klingendem Althochdeutsch. Gleich wieder lässt Geschichte in meinem Kopf einen Film ablaufen. Was, wenn ich durch Zufall eben 800 Jahre in die Vergangenheit versetzt werde? Dort treffe ich auf einen Menschen der sich wohl wundern wird, in welchen komischen Klamotten ich vor ihm stehe. Er spricht mich an. Auf deutsch. Ob wir uns je verständigen könnten? Für alle Zweifelnden: hier die Merseburger Zaubersprüche (genau genommen der zweite) in beiden Fassungen. Die Antwort darf jeder sich dann selbst geben. Abra Kadabra… (Quelle: Wikipedia)

Phôl ende Wuodan fuorun zi holza.
dû wart demo balderes folon sîn fuoz birenkit.
thû biguol en Sinthgunt, Sunna era swister;
thû biguol en Frîja, Folla era swister;
thû biguol en Wuodan, sô hê wola conda:
sôse bênrenki, sôse bluotrenki,
sôse lidirenki:
bên zi bêna, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sôse gelîmida sîn.
     
Phol und Wodan begaben sich in den Wald
Da wurde dem Fohlen des Herrn/Balders sein Fuß verrenkt
Da besprach ihn Sinthgunt, die Schwester der Sunna
Da besprach ihn Frija, die Schwester der Volla.
Da besprach ihn Wodan, wie er es wohl konnte.
So Beinrenkung, so Blutrenkung,
so Gliedrenkung:
Bein zu Bein, Blut zu Blut,
Glied zu Glied, wie wenn sie geleimt wären
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