Neukölln is coming


 Also, wo waren wir stehen geblieben? Achja, in Mitte. Weiter geht’s also in unserer kleinen Reise nach Neukölln. Little Istanbul, Problembezirk, No-Go-Area. Sogar Drive now, das Carsharing-Projekt von Sixt und BMW hat mal eben den ganzen Bezirk aus seinem Geschäftsgebiet ausgeschlossen. Man hat da so sein Bild, oder? Also gut. Also Neukölln dann. Was man so kennt sind wohl die Hermannstraße, die Karl-Marx-Straße, die Sonnenallee (Mensch was hat die sich seit dem Film verändert…). Hermannplatz. Richardplatz – der war ja immer schon so ein kleines Refugium. Aber ich würde anderswo anfangen. Oderstraße. Das ist nämlich genau die Straße, die auf Neuköllner Seite am ehemaligen Flughafen Tempelhof langführt. Und das ist auch schon die erste Straße, in der ich sofort wohnen würde. Natürlich nur erste Reihe fußfrei, sprich mit Blick auf das Tempelhofer Feld. Weil da ist Leben. Läufer, Radfahrer, Picknicker, Drachensteigenlasser, Spaziergänger. Alle friedlich-fröhlich mit und nebeneinander. Und mitten in der Stadt dieses riesige freie Geländer. Und ein ganz großartiges Gefühl, mit dem Fahrrad einfach mal die ehemalige Start- und Landebahn langzubrettern. Also ehrlich, wer könnte gegen so ein Neukölln was haben?

Ein paar Straßen weiter: Die Hermannstraße. Vom Hermanplatz bis runter zum S- und U-Bahnhof Hermanstraße. Als ich so das erste Mal da mit dem Auto lang bin, hat mich das sicher einige Haare und noch mehr Nerven gekostet. Zweispurig fahren auf einer einspurigen Straße auf der alle paar hundert Meter noch jemand parkt. Das braucht schon ein wenig Gewöhnung. Aber beim dritten Mal geht auch das ganz gut, hab‘ ich festgestellt. Dönerläden wechseln sich mit Altberliner Kneipen ab. Youngster, Studis, alte Frauen mit Kopftuch, Jungs südländischer Abstammung in Horden, wahnsinnige Fahrradfahrer. So könnte man sie wohl auch beschreiben, die Hermannstraße. Bunt in jedem Fall. Ein wenig hatte ich den Eindruck, sie wird mit jedem Mal die ich sie rauf- und runterfahre bunter.

Gefahren bin ich da öfter in letzter Zeit. Und irgendwo zwischen den U-Bahnhöfen Leinestraße und Hermannstraße dann rechts abgebogen. In eine Straße, die in ihrer Mitte einen kleinen Platz ohne Namen führt, mit Bäumen, mit Häusern, die der Reihe nach saniert werden und eingerahmt von ruhigen, grünen Friedhöfen. Ein Freund von mir zieht in diese Straße – so seine Wohnung denn irgendwann mal fertig werden sollte. Und so habe ich sie auch kennen gelernt. Ein eigener kleiner Kosmos. Im Spätkauf gibt’s Zigaretten auch einzeln, Kaffee kostet 50 Cent im Plastik- und 70 Cent im Papp-Becher. Eine Galerie hat sich schon angekündigt. Und die Wirtin der Eckkneipe verspricht Freibier, wenn man beim zweiten Besuch ihren Namen noch kennt. Also schon die zweite Straße, die nicht so recht zum Problembezirk passen will.

Ja und dann kam gestern. Flughafenstraße. Woher sie ihren Namen hat, brauchen wir schon wieder nicht zu rätseln. Wie praktisch. Auch Neukölln in jedem Fall. Schön geht anders. Zugegeben. Aber wir wollten ja auch nur in den Hinterhof der Nummer 46. Lavanderia vecchia hieß unser Ziel. Eine alte Waschküche soll sie gewesen sein. Und man kann ihr das sogar abnehmen. Wände roh, nur weiß gekalkt. Überall hängen gewaschene Geschirrtücher rum. In einer Ecke eine offene Küche. Und 12 oder 13 Tische durch den Raum verteilt. Italienisch erwartet uns – soviel konnten wir uns unter dem Namen schon vorstellen. Von der Hausherrin werden wir empfangen. Leise Musik im Hintergrund, am Tisch wartet schon Wasser, Olivenöl und Salz. Die Hausherrin bringt dann auch gleich frisches Weißbrot, der Herr des Hauses kümmert sich um die Getränke. Irgendwie kommt gleich so ein Gefühl von „Zu-Hause“ auf. Lecker. Echt lecker. Sie bringt aber auch die Warnung dazu, sich nicht zu sehr damit zu vergnügen. Warum? Achja, es warten noch 13 Gänge an diesem Abend… 10 Antipasti, Primo, secondo und das Dessert. Um 19.45 Uhr geht’s los. Alle gemeinsam. Ein Gang folgt dem nächsten, ganz unaufgeregt. Alles wird auf einem großen Teller oder in einer Schale serviert und wir vier am Tisch nehmen einfach davon immer auf unsere Teller. Mal der ein wenig mehr, mal der andere. Dazu Rotwein, der beim ersten Schluck gleich ein Aha-Erlebnis beschert. Ist das Kirsche? Oder Brombeere? Also, nicht dass ich jetzt der große Weinkenner wäre. Aber das ist schon beeindruckend. Und so geht’s den Abend über weiter. Mit Überraschungen, Verzückungen, Überwindungen. Und am Ende richtig satt. 23.15 Uhr ist es dann. Noch ein Espresso an der Bar und dann raus ins nächste Taxi.

Ja. Neukölln also. Problembezirk. No-Go-Area. Kann es das bitte noch ein wenig bleiben? Dann würde ich nämlich sofort hinziehen…

Share on Facebook0Tweet about this on TwitterShare on Google+0Share on Tumblr0Share on LinkedIn0Pin on Pinterest0Email this to someone

Vielleicht gefällt Dir ja auch diese Geschichte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *