Nay Pyi Taw oder ein Tag auf einem fremden Planet

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Wer hätte gedacht, dass es gerade Nay Pyi Taw sein würde, dem ich diesen ersten Beitrag der Reise widme? Aber ich kann nicht anders. Gestern bin ich nach der übelsten Zugfahrt meines Lebens hier angekommene. Wo nochmal? fragen dann üblicherweise andere Reisende. Why? fragen dann die Einheimischen. Seit 2006 ist dieses Gebilde jetzt die Hauptstadt der Union Myanmar. Gebaut in aller Heimlichkeit mitten im Nirgends, aus Angst der Generäle vor einem Angriff auf die alte Hauptstadt Yangon. Ja, Gebilde. Ich mag sie gar nicht Stadt nennen, das würde ihr nicht gerecht. Denn sie ist die Geburt von Größenwahn. Mehr als 7.000 Quadratkilometer umfasst sie (wer wie ich einen Vergleich braucht: Berlin ist knapp 900 qkm groß), durchpflügt von 8spurigen Straßen, eingeteilt in Zonen. Es gibt welche für Hotels, für die Regierung, Wohnquartiere oder ein Kulturquartier.
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Noch immer keine rechte Vorstellung davon habend, was das denn so heißen könnte, mache ich mich also um 11 Uhr auf zur Erkundung. Bei der Buchung des Hotels musste ich schon einen Fahrer mitbuchen. Klingt komisch, ist es auch, macht aber Sinn. Es erwartet mich also ein junger Mann mit schwarzer Limousine. ‚I speak english broken‘ meint er gleich zu Beginn. Und ja, sehr broken. ‚Where Sir?‘ geht unsere Unterhaltung dann weiter. Ich frage, was es denn zu sehen gäbe. ‚I drive Sir, yes, yes.‘ Was daraus wird, ist eine Tour über einen fremden Planeten. Wir rasen mit 120 über die menschenleeren, perfekt geteerten, sauberen Straßen, vorbei an… Bäumen, hier und da ein paar Häusern, blumengeschmückten Kreisverkehren. Nein, es fühlt sich nicht an wie eine Stadt. Nay Pyi Taw kann man sich eher als Bezirk vorstellen. Einen, in dem es versprengte Ansiedlungen gibt, die ihren Zweck per Vorgabe von oben bekommen haben. Irgendwie komme ich dank dieses Gedankens auch besser mit ihr klar. Hauptregierungsbezirk. Ausgestorben über die weitesten Teile, weil 900.000 Menschen (laut offiziellen Angaben) einfach nicht Reichen, um acht Mal Berlin zu füllen.

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Chauffiert wie der Botschafter persönlich, erreiche ich dann im Heck der schwarzen Limousine die erste Sehenswürdigkeit. Es ist die weithin sichtbare Uppatasanti Pagode. Ihr Vorbild ist die Shwedagon Pagode in Yangon. Riesig, golden, imposant und irgendwie unecht. Aber wie auch sonst. Während in Yangon hunderte und tausende Menschen das Original bevölkern, sind es hier vielleicht 20 oder 30. Es sind meist burmesische Touristen bei einem Besuch in der Hauptstadt. Sie beten kurz, stoßen die Glocke an und fotografieren die Elefanten. Royal Quoten Elephants gibt es zu bestaunen. Zwar ist Myanmar kein Königreich mehr und die Elefanten sind eher rosa, aber wenn es schon mal was zu sehen gibt…

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Das Auto wird vorgefahren, die Tür aufgehalten und dann die Überraschung: ‚Next Pagoda Sir? 4 more‘. Das hatte der Reiseführer mir nicht verraten. Aber tatsächlich wurden hier in den letzten Jahren 4 Pagoden gebaut. Sie sind alle wichtigen indischen Tempeln unterschiedlicher Stile nachempfunden. Oder vielleicht trifft es originalgetreu nachgebaut besser. Aber daraus macht man auch gar kein Geheimnis. Es gibt sogar eine kleine Ausstellung, die Bilder von den echten Tempeln zeigt. Aber ich hätte es auch so verstanden. Weil es auch in Nay Pyi Taw so ist, wie überall sonst in Myanmar: Lächeln und Hilfsbereitschaft wohin man kommt. Im ersten Tempel erklärt mir der Aufseher (oder sollte man ihn eher Überblicker nennen?), dass das Original der Erleuchtung Buddhas gewidmet ist. Im zweiten Tempel lerne ich, dass es hier um den 8faltigen Pfad geht – auf burmesisch, mit Händen, Füßen, Gesicht und sehr viel Lachen. Selbst eine auf burmesisch handgeschriebene Einweisung wird zu Rate gezogen. Man kann ja nie wissen, vielleicht kann dieser Fremde ja wenigstens lesen. Im dritten Tempel treffe ich Moon. Sie ist mit ihrer Familie dort, ihre Mutter arbeitet in der Stadt für die Regierung. Ob ich denn mit ihr englisch reden würde, sie macht gerade einen Kurs und würde gern üben. Wir plaudern eine halbe Stunde, ich lerne nebenbei die ganze Familie kennen und wir verabreden uns zum Tee in Yangon. Wie froh bin ich, einen sehr verständlich Englisch sprechenden Menschen zu treffen hier. Von ihr erfahre ich auch, dass wir uns im Tempel befinden, der Buddhas Lehre geweiht ist.

Im vierten Tempel, der des Reclining Buddha, treffen wir uns wieder. Freundliches Winken, Mama macht ein Foto von uns beiden. Andere Einheimische machen heimlich eines von mir. Ich lächle (damit dürfte ich am Foto wohl die Augen geschlossen haben, naja ist ja Reclining Buddha gewidmet). Wie diese Tempel heißen und wo sie zu finden sind? Das verraten leider weder die burmeischen Hinweistafeln, der Reiseführer oder Google Maps. Mein Fahrer bringt mich zur nächsten Sehenswürdigkeit – dem Jupiter Center. Eine von zwei Shopping Malls in der Stadt. Kino mit Filmen die ich noch nie gehört habe (ein Pech, nach Nay Pyi Taw hat der neue Bond es noch nicht geschafft), Hypermarkt, Klamotten von Guess,  Adidas. Ich kaufe Erdnüsse und Myanmar Bier. Und ich treffe Moon mit ihrer Familie. Sie schenken mir einen Elefanten-Anhänger. Weil ich mich so nett mit ihrer Tochter unterhalten habe und das doch für sie so wichtig ist.

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Bevor mein Fahrer mich jetzt abholt und zum Abendessen in ein neonbeleuchtetes Restaurant am Restaurant-Hill chauffiert, bin ich schon ein wenig berührt von dieser Nicht-Stadt. Weil sie bei all ihrer Absurdität zeigt, dass es die Menschen sind, die einen Ort ausmachen. Sie bemühen sich so sehr hier, sind so stolz auf das, was sie in Kleinen beeinflussen können und freuen sich, wenn jemand das mit ihnen teilt. Das war den Besuch schon wert.

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