Mein erster Kerbebaum

Kerb in Niedergladbach

Niedergladbach HessenVor ein paar Jahren haben ein paar Freunde und ich beschlossen, gemeinsam unsere Familien zu besuchen. Ein gewagtes Experiment, dachten wir zu Beginn. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und wir haben unheimlich viel gewonnen. Nachdem wir alle Familien durch hatten, wurden alle Familien nach Berlin eingeladen – und fangen jetzt an, sich gegenseitig zu besuchen. Wir unterdessen sind bei Runde zwei angelangt – und die hat uns jetzt wieder nach Hessen geführt.

C kommt aus der Weltmetropole Niedergladbach. Liegt gleich neben Obergladbach. Gemeinde Schlangenbad. Hessen. Der perfekte Ort für digital detox. Kein LTE, noch nichtmal Handyempfang. Dafür Wald, Wiesen, Ziegen und eine Kirche. Bildhübsch. Und jedes Jahr im August ist Kerb. Kerb? Ja, Kerb. Noch nie gehört. Ging mir ähnlich. Bei uns heißt das nämlich Kirtag…

Vier Tage dauert so eine Kerb dann auch. Das ganze Dorf ist auf den Beinen. Und wir, die sieben Typen aus der Hauptstadt mittendrin. Zwar war’s schon unser zweites Mal, aber man merkt schon, dass man in einem Dorf von 262 Einwohnern beäugt wird. Am ersten Abend in der Disco von der Dorfjugend. Naja, vielleicht geht man am Land mit Ende 30 da eigentlich nicht mehr hin. Als sich dann auch noch Cs Bruder zu uns gesellt, seines Zeichens stellvertretender Vorsitzender des Kerbevereins, ist zumindest mal klar, wo die Fremden hingehören. DJ Lars spielt unterdessen die Musik unserer Jugend – Ace of Base, Whigfield, sogar Aqua mit Barbiegirl tönt irgendwann aus den Lautsprechern. Den gerade jetzt Jungen scheint’s zu gefallen. Dazu wird stilecht sauergespritzer Apfelwein serviert. Schließlich ist hier Apfelweingegend – die Weingegend fängt erst 7 Kilometer entfernt wieder an. Wieder was gelernt.

Hessen_ISH_5437 Hessen_ISH_5467   Richtig lustig wird’s dann an Tag 2. C und sein Vater machen für uns den Traktor fertig – Baujahr 1961. Zwei vorne, fünf hinten auf dem Anhänger reihen wir uns in den Konvoi ein, der sich auf den Weg in den Wald macht. Es ist Zeit, den Kerbebaum zu schlagen. Mit irgendwas zwischen 10 und 25 km/h geht es singend vorbei an Kirche, Dorflinde, Fußballplatz. Oben angekommen, auf einer Wiese mitten im Wald, erwartet uns schon das halbe Dorf. Und wieder ein paar dieser Blicke. Wenn sieben Typen aus der Stadt beim Schlagen des Kerbebaums dabei sein wollen. Und wie die wollen.

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Hessen_ISH_5591Das Sägen überlassen wir noch den Profis. Beim Tragen des 20 Meter hohen Baums sind wir aber mittendrin. Arbeitshandschuhe an und los. Von allein kommt der Baum schließlich nicht auf den Traktor. Meine Unterarme sind nach einer halben Stunde komplett zerschunden und voll mit frischem Harz. Viel Spaß beim abmachen… Die Ehre Kerbebaum zu werden, ereilt übrigens erst Baum Nummer 2. Aus recht pragmatischen Gründen. Baum eins bricht beim Fallen in der Mitte durch. Wobei ich lerne, dass wir mit 2 Bäumen noch gut dabei sind. Vor ein paar Jahren mussten 9 Bäume dran glauben…

Ich glaube, anpacken qualifiziert. Zur Stärkung hat man nämlich Bier, Apfelwein und Fleischwurst eingepackt und wir sind dazu eingeladen. Ist auch dringend nötig, kommt jetzt doch erst der eigentlich Akt: Das Aufstellen.
Kerb in NiedergladbachMit dem Traktor ins Dorf gebracht, liegt unser wunderschöner 20-Meter-Baum jetzt vor dem Kerbezelt um geschmückt zu werden. Mit Bändern, Lampen und einem Kranz – natürlich von den jungen Frauen des Dorfes. Schon sehr ursprünglich, auch in der Rollenverteilung. Denn im Anschluss sind wieder die Männer dran.

Kerbebaum in NiedergladbachDer Baum will aufgerichtet werden, über das Dorf aufragen und weithin als Symbol sichtbar sein. Wir stehen um den Baum herum, etwas verwirrt, keine Ahnung was wir tun wollen. Bodo versucht es zu erklären, schlauer werden wir davon aber nicht. Hilft nur, auf die Ansagen des laut brüllenden Mannes zu hören, der irgendwie das Sagen zu haben scheint. Wobei, zu sagen haben hier natürlich alle ganz viel. Wir packen an den Stangen mit an, die jeweils zu zweit zusammengebunden, unter den Baum geschoben werden. So wird er Schritt für Schritt nach oben geschoben. Dabei wird viel gelacht, gequatscht, gebrüllt und geschwitzt. Es ist ein ausgeklügeltes System: Weiter nach links! Weiter ran! Zeltseite drückt! Die Zwei nach unten! Und nach einer Stunde und mit dem Einsatz von rund 50 Männern steht er dann da, nur leicht schief. Aber mein ganzer Stolz: Mein erster Kerbebaum.

Kerb in Niedergladbach

Natürlich geht das Fest noch weiter. Mit österreichischer Liveband, Tanzeinlagen, tiefgründigen Gesprächen in der Sektbar und abschließendem Nussschnaps am Samstag. Am Sonntag fallen die Konvektomaten aus, also werden die Haxen kurzerhand über das ganze Dorf verteilt in den Küchenherden gebraten. Die Friteuse geht in Flammen auf. Es schmeckt trotzdem, oder vielleicht auch gerade deshalb. Die sieben Typen aus der Hauptstadt werden mittlerweile auch allerseits freundlich gegrüßt, Bogdan bedauert, dass wir zum Eiersammeln am nächsten Tag nicht mehr da sein werden. Heide lädt uns zu ihrem 60. Geburtstag ein. Beim Kerbeumzug mit der Blasmusik werden die Gäste aus Berlin sogar mit drei „Hoch“ geehrt. Es scheint, wir haben alles richtig gemacht – und das mit ziemlich viel Spaß. Beim nächsten Mal bleiben wir dann auch zum Eiersammeln.

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Fotos (außer 1): Iman Sheikholeslami

 

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