Kep. Einfach mal bleiben.

Kep Cambodia View

Eigentlich war mein Plan ja ganz einfach: zwei Tage in Kep bleiben und dann nach Kampot weiterfahren. Aber wie das mit Plänen auf Reisen oft so ist…

Ich bin schon im Total-Entspannt-Modus als ich Phnom Penh das zweite Mal verlasse und mit dem Bus nach Kep fahre. Es ist mal wieder Zeit für Meer, raus aus der Stadt. Kep soll schön sein, entspannt, habe ich gehört. Und es ist jetzt ja auch bald einen Monat her, seit ich das letzte Mal am Meer war. Wir werden sehen, denke ich so für mich. Draußen vor den Fenstern des Busses werden langsam die Häuser der Hauptstadt von Feldern abgelöst werden.

Kep Khmer HandsNach einer sehr humanen Reise hält der Minibus an einem Ort, der irgendwie ein klein wenig aussieht wie ein Hafen – nur ohne Boote. Ein kleiner Platz, ein paar Lokale, ein Strand hinter dem sich dschungelbewachsene Hügel in den Himmel schieben. Das ist also Kep. Interessant. Und weil auf eines in Südostasien absoluter Verlass ist, erwarten uns die TukTuk-Fahrer um ihre Dienste anzubieten. Von einem ehemaligen Arbeitskollegen hatte ich von einem Guesthouse gehört: Khmer Hands. Dort soll der Fahrer mich einfach mal hinbringen. Vielleicht ist Fortuna mir ja gewogen und sie haben ein Zimmer frei. Über eine absurde vierspurige Straße (das ist ja schon fast wie in Nay Pyi Daw hier) tuckern wir los den Hügel hoch. Die Fahrbahn wird zur Sandpiste, die Sandpiste zum Waldweg. Wir bewegen uns vom Meer weg, immer weiter die Hügel hinauf. Hier mal ein Haus, da mal eins. Stände an denen man Benzin kaufen kann. So sieht also entspannt aus.

 

Khmer Hands KepWir sind zehn Minuten unterwegs, als zu unserer Rechten ein Schild mit der Aufschrift Khmer Hands auftaucht. Und das Khmer Hands wird mein Zu Hause für die nächsten Tage – denn Fortuna ist mir mehr als nur gewogen. Ich kann aus zwei Bungalows wählen – am Boden oder auf Stelzen. Leichte Wahl. Und dann lerne ich die besten Gastgeber der Welt kennen. Kris und sein Frau Naomi, ein amerikanisch-kambodschanisches Paar. Vor vier Jahren haben hier angefangen, hier ein kleines Paradies zu schaffen. Individuelle Bungalows, eine große Terrasse für die Gäste. Alles harmonisch in den Hang und den Dschungel eingepasst. „How long will you stay?“ Gute Frage…

Meinen Bungalow auf Stelzen erreiche ich über eine abenteuerliche Holztreppe, rund herum stehen Palmen und blühen exotische Blumen in allen Farben des Regenbogens. Unter dem Bungalow finden sich zwei Hängematten – und mit Hängematten hat man mich ja sowieso schon halb gewonnen. Von der Gemeinschaftsterrasse hat man einen unvergleichlichen Blick über den Dschungel hinunter aufs Meer. Es ist ein magischer Ort – für großartigen Khmer Kaffee morgens oder einen Gin Tonic als Sundowner abends. Und für ganz wunderbares Essen. Kris empfiehlt mir ein cremig-würzig perfektes Fish-Amok für den ersten Abend. Essen in der Unterkunft? Ist ja sonst so gar nicht meine Sache. Aber am nächsten Abend bleibe ich einfach wieder. Lok Lak mit weißem Pfeffer und Limette. Ich will hier nie wieder weg…

Kep Cambodia ViewNaja, und da wären eben Kris und Naomi. Sie strahlen ihre Gäste schon morgens an. Sie erzählen voller Begeisterung von den Möglichkeiten der Umgebung: Vom Nationalpark, einem Ausflug ins Fischerdorf, von Kampot, Rabbit Island und natürlich vom Krabbenmarkt. Das macht es dann auch irgendwie unmöglich, tagelang das Khmer Hands nicht zu verlassen. Also besorgt Kriss mir einen Roller und ich erkunde die Gegend. Über Schotter, Sand und breite Pisten ans Meer. Die Küstenstraße entlang in den anderen Teil von Kep. Weil es da den Teil im Dschungel und rund um den Krabbenmarkt gibt und den am Meer, zwischen Nobelhotel und Fischerdorf. Den, wo heute Guesthouses zu finden sind und den, wo vor hundert Jahren ein Saint Tropez Kambodschas zu finden war. Als Kep noch das Ziel für die Sommerfrische der reichen und schönen Franzosen war, die damals ihr Glück und ihren Erfolg in Indochina gesucht haben. Heute sind ihre Spuren fast getilgt (und ausnahmsweise waren es nicht die Khmer Rouge, sondern die Vietnamesen). Nur noch Grundstückszäune, Ruinen, vereinzelte Säulen zeugen davon, wie mondän Kep einmal gewesen sein muss. Kep als Zeugnis der Vergänglichkeit.

Kep_057Ein Tag vergeht mit nicht viel. Ein Abend mit alten Bekannten geht so grundübel schief, man hätte es in Hollywood nicht übler verfilmen können.  Die Details lasse ich hier weg. Das Ergebnis: Ich brauche Bier. Gar nicht so einfach, nach 20 Uhr in Kep. Aber unten am „Hafen“ haben noch zwei Kneipen offen. Dort treffe ich dann beim ersten Bier auch Ryan. Ein junger Amerikaner, gerade auf Reisen, bevor er in Vietnam als Lehrer anfangen will. Das zweite Bier nehmen wir mit an den Strand. Über uns die Sterne, vor uns die Brandung, in der Hand eine Flasche Bier. Soll ein Abend mal schief gehen, in Asien nimmt er doch eine schnelle Wendung. Wir diskutieren die Flüchtlingssituation in Europa, die Bedeutung von Bildung für die Zukunft, die gesellschaftlichen Festlegungen von Sexualität und natürlich die Vorwahlen in den USA. Sollte ich jemals ein inneres Bild für das Wort „zufrieden“ suchen, ich finde es an diesem Abend am Strand von Kep.

jungel kep cambodia ryan

Wir verabreden uns für den nächsten Tag zu einer Wanderung durch den Nationalpark. Einmal den Hügel hoch geht’s zum ersten Aussichtspunkt. Kep von oben. Nicht unbedingt imposant. Ein wenig zersiedelt. Sehr friedlich schmiegt es sich an den Strand und an die Hänge. Draußen ein paar Inseln. Wir machen uns auf, suchen den Wasserfall. Er ist ausgetrocknet. Die Wege werden enger, Schlingpflanzen freuen sich über unsere Gesellschaft, Lianen halten nicht was sie versprechen und wir schwitzen uns bei 35 Grad den Dschungel rauf und runter. Wer hatte nochmal diese blöde Idee? Egal. Irgendwas Gutes kommt doch immer noch rum.

Temple in Kep CambodiaDiesmal gleich um die nächste Kurfe. Vor uns ein verlassener buddhistischer Tempel. Sein goldenes Dach schimmert durch die Baumkronen, unten fließt ein kleiner Fluss vorbei, drinnen lässt eine Buddhastatue einfach die Zeit verstreichen. Hier im Dschungel, wo buddhistische Mönche früher gebetete und meditiert haben, liegt eine tiefe Ruhe über den Dingen. Und da ist sie auch schon wieder, diese Zufriedenheit. Wir ziehen weiter. Zum Tempel auf dem nächsten Hügel. Groß und weiß thront er da oben, wacht über die Küste, erzählt in seinen Malereien vom Leben des Siddharta. Ein leichter Wind weht durch den Innenraum in dem ein einzelner Mönch liegt und schläft. Die Ruhe kommt bis hier oben. Ob der Ort durch den Tempel zu solcher Ruhe findet oder ob der Tempel wegen dieser Ruhe dort gebaut wurde? Manche Dinge sind dann auch gar nicht so wichtig. Sie sind eben.

Bei 36 Grad wandern wir zurück in die profane Welt. Die Ruhe nehmen wir mit. Die Hitze auch. Aber da war ja noch etwas. Strand! Meer! Abkühlung. Stimmt ja. Es gibt einen Strand in Kep. Wie lange wird er sein, dieser Strand? 500 Meter vielleicht. Genug Platz in jedem Fall, für die 7 Menschen die sich dort tummeln. Und natürlich sitzen wir nach Sonnenuntergang wieder dort, trinken Bier, reden über Brauereitraditionen in Europa und den USA, den Wert von Familie, die Veränderung der Medienlandschaft und diskutieren, ob kambodschanische Fischer wohl glücklicher sind als westliche Akademiker.

Bokor Mountain Cambodia

Auf den Nationalpark folgt der Berg. Mit dem Roller machen wir einen Ausflug zum Bokor Mountain. Die Kambodschaner nennen ihn Nationalpark. Es ist ein Berg. Ja. Es gibt viel Wald. Dazwischen wird gebaut, schwer zu erkennen was. Ganz oben haben die Chinesen ein Casino hingestellt. Ein riesiges Teil, monströs. Davor wehen die Fahnen von mindestens 20 Nationen. Nur der Parkplatz ist leer. Nationalpark-Casino? Interessant. Der Wasserfall, eine der großen Attraktionen, ist natürlich ausgetrocknet. Der See dient aktuell als Abladestelle für Bauschutt. Die Zufahrt zur ehemaligen christlichen Kirche ist abgesperrt. Der buddhistische Tempel liegt zwischen einer Müllhalde und einer Baustelle. Fantastisch ist allerdings der Blick entlang von Wolken, die hier heroben einen Teil der Welt vor neugierigen Blicken verstecken. Hier könnte man endlich mal ausprobieren, wie weich man landet, wenn man in eine Wolke hüpft. Theoretisch. Theoretisch können wir uns auch vorstellen, dass die Franzosen hier früher herkamen um das milde Klima in der Höhenluft zu genießen. Gerade ist es eher ein Ort, der nicht so recht weiß, was er mit sich anfangen soll. Und wir können ihm dabei auch nicht helfen. Deshalb steigen auf den Roller und fahren nach Kampot um einen Kaffee zu trinken.

Am Abend wieder in Kep. Kris erzählt mir, dass er aus Neugierde auch mal oben im Casino war. Dort wurden vor vier Jahren 400 Leute eingestellt. Ein großer, wichtiger Arbeitgeber für die jungen Menschen in der Gegend. Vor drei Jahren wurden 200 der Angestellten wieder entlassen. In der Hälfte der Zimmer wurde die Plastikverpackung von den Möbeln noch nicht abgenommen. Ins Casino geht niemand, weil man dort immer alleine ist. Man mutmaßt, dass die Chinesen dort noch mehr hinbauen wollen Angeblich hoffen sie, dass so des Leben seinen Weg auf den Bokor Mountain findet.

Henner aus Osnabrück in KepIch bleibe in Kep. Ich habe sogar schon mein Lieblingscafé. Kep Coffee. Und den Ort. Man findet immer jemanden zum Plaudern, Geschichten austauschen, für den neuesten Klatsch aus der Region. Ich fühle mich beim ersten Besuch schon wohl, beim zweiten fühle ich mich schon fast zu Hause. Nach fünf Tagen in Kep kenne ich auch schon einige Menschen – und noch viel mehr Geschichten. Alle reden miteinander, machen gemeinsam Pläne, teilen Freud und Leid. Aber wehe dem, der gerade nicht anwesend ist. Über ihn (oder sie) wird gnadenlos gelästert. Über den radverrückten Josef (aus Österreich), den Möchtegern-Autor Henner (aus Osnabrück), über die Betreiber des Cafés und ihre fundamentalen christlichen Ideen, … Und ich mittendrin. Was die wohl so über mich reden? Egal. Ein paar Tage dazuzugehören fühlt sich gut an.

Rabbit Island Kep CambodiaAber aller Guten Dinge sind… irgendwann zu Ende. Und deswegen muss ich nach vier Tagen auch aus dem Khmer Hands ausziehen. Es ist ausgebucht. Mein Herz blutet. Ob mein Bungalow mich so vermissen wird wie ich ihn? Kein Blick über den Dschungel mehr, kein Khmer Coffee auf offener Terrasse mehr, keine Gastgeber die immer da sind wenn man sie braucht und wie unsichtbar, wenn man seine Ruhe sucht. Kris schlägt auch vor, ich könnte ja eine Nacht auf Rabbit Island schlafen – danach könnte ich mein Zimmer wieder haben. Aber soll ich Fortuna wirklich herausfordern? Ich verabschiede mich in aller Früh von meinen Herbergsgebern um noch eine Nacht auf Rabbit Island zu verbringen. Treffe dort noch einmal auf Ryan, zwei Schweizerinnen die ich später doch glatt in Siem Reap wiedersehe und lese endlich „Burmese Days“ zu Ende. Nachdem wir beim Abendessen die Zeit übersehen, laufen wird im Dunkeln über die halbe Insel zurück. Die Generatoren laufen nicht mehr, Strom gibt es nicht. Die Hund bewachen laut und nachdrücklich ihre Reviere. Ich fühle mich, wie aus der Welt gefallen. Die Nacht verbringe ich im dreckigsten Bungalow meiner Reise. Macht aber nix, regnet dafür auch rein und morgens ist die Tonne für die Toilette voll vom Regen. Hier fällt der Abschied weniger schwer. Mit dem Boot fahre ich am Morgen einfach zurück aufs Festland und gehe ins Kep Coffee. Großes Hallo zur Begrüßung. „Oh hello! You are still here. Are you one of these guys who come to stay? .-)“ Warum eigentlich nicht. Ich bespreche das mal mit Henner aus Osnabrück. Ein wenig könnte ich ja schon noch bleiben…

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