Ist das Kunst oder kann das Weg? Die documenta 13

Markus Aspetzberger Kassel documenta 13

Älter werden kann man auch in documenta messen. Schon wieder fünf Jahre vorbei. Zum Glück habe ich mit Alter kein Problem und kann mich daher sehr darüber freuen, dass 2012 wieder ein documenta Jahr ist. Um dem ganz großen Trubel zu entgehen haben wir beschlossen, ziemlich genau zur Mitte der 100 Tage und während der Woche nach Kassel zu fahren. Mal wieder mit der Bahn – man gönnt sich ja sonst nichts.

Die erste Herausforderung die jeder documenta-Besucher kennt ist die, eine Unterkunft zu finden. Wir entscheiden uns für eine Parkgarage. Mitten in der Stadt, faires Preis-Leistungsverhältnis und mal was anderes. Oben am Dach gibt es ein BnB mit großartiger Dachterrasse. Alles ist ein wenig improvisiert, die Leute die dort arbeiten (wieviele sind das eigentlich? 14? Oder doch nur 2? So ganz genau war das irgendwie nicht rauszufinden) sind meist recht nett und keine Profis. Ein wenig wie in Berlin – nur eben doch in Kassel. Ich dachte auch, ich hätte ein Zimmer mit Bad reserviert. Bekommen haben wir eins ohne. Aber vielleicht hab‘ auch ich mich nur vertan. So schlafen wir also auf Matratzen, die als Unterbau alte Paletten haben. Charmant irgendwie. Und wie gesagt, in der Parkgarage auf Paletten … hat man auch nicht alle Tage.

Dann geht’s aber endlich an die Kunst. Wo bloß anfangen? documenta-Halle? Aue? Fridericianum? Bahnhof? Kaufhof? Ottoneum? Mensch, immer diese vielen Möglichkeiten. Praktischerweise stehen ja überall graue Container mit Menschen drin, die einem da gerne weiterhelfen. Wir holen uns also ein Programm für die Woche, Tickets und buchen gleich noch eine Führung. Äh, ne, das heißt ja anders. dTour. Umweg. Unsere Führerin ist ja auch keine Führerin sondern ein Worldly Companion. Aber dazu am zweiten Tag.

Wir beginnen also im Fridericianum. Vom Kunstwerk am Eingang hatte ich ja schon gehört. Nichts zu sehen, nichts zu hören, nichts zu riechen. Es geht ums Fühlen. Ryan Gander heißt der Künstler. Und sein Kunstwerk ist der Windhauch in der ansonsten leeren Halle. Ähm, ja. Also. Darüber könnte man sich jetzt stundlang auf eine Diskussion auf Metaebene begeben. Über die Ganzheitlichkeit des künstlerischen Empfindens. Über die Herausforderung, eingeschlagene Wege zu Verlassen. Über das Nutzen von Räumen, von Sinnen, über… Oder man kann einfach der Meinung sein, das ist… Schrott. Wir haben lange darüber gestritten, ob die Plastiktüte in der Ecke eigentlich auch zum Kunstwerk gehört oder nicht. Wir hätten das natürlich nachlesen können. Macht aber nur halb so viel Spaß.

Wenn ich dann ein paar Tage später jetzt zurückdenke, ist schon recht bezeichnend, was von den Werken im Fridericianum noch so geblieben ist, in meinem Kopf. Die Wandteppiche zum Beispiel. Jetzt nicht der viel besprochene von Goshka Macuga, mit seinem Pendant in Kabul. Die Teppiche aus den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts. Dunkel, düster, blutrünstig, deprimierend, ein großem Ausmaß lebensverneinend. Gruselig, irgendwie. Die beiden Fliegen in der Glasvitrine dürfen natürlich auch nicht unerwähnt bleiben. Ein Schelm, der Böses denkt. Ganz oben ein großer Raum zum Thema Imperialismus, Kolonialzeit. Historisch extrem spannend, wie ich finde. Künstlerisch – naja, ich bin ja doch kein Kunsthistoriker.

Sehr beeindruckend die naive Kunst die einen ganzen Raum einnimmt. Ich würde auch gerne mehr darüber erzählen. Aber ich kann nicht. Vor allem deshalb, weil ich die Bilder nicht ansehen konnte. Nach Sekunden nur wurde mir schwindlig. Man kennt ja diese schwarzen Spiralen auf weißem Grund – so ähnlich und doch ganz anders. Rechteckig und bunt. Die Wirkung war die gleiche. Es kommt ein Raum mit Kunst zum Mitnehmen, Experimente aus der Physik – sie sich mit manchmal trotz Erklärung nicht so ganz haben erschließen wollen. Was meine Bewunderung für Anton Zeilinger um nichts schmälern mag. Die Werke eines Pfarrers der Äpfel gemalt hat. Dreidimensionale Bilder – oder waren es doch Installationen. Und auch das Ende der Kunst wurde mal wieder ausgerufen. Irgenwie hab‘ ich’s auch verstanden.

Nachdem wir das Haus verlassen haben, sind wir geplättet. So viel Zerstörung, Verzweiflung, Tod, Wut, Krieg, … Ich hatte ja gehört, Zerstörung und Wiederaufbau seien geheime Leitmotive der 13. Ausgabe dieser Weltkunstschau. Die Zerstörung hätten wir dann auch gefunden, aber wie sollten wir uns bloß wieder aufbauen? Die documenta-Halle tut das ihre. Großformatig ist für die Bilder zu Beginn noch leicht untertrieben. Riesig hängen sie da an der Wand. Zeigen urbane Szenen, Orte, Plätze und Gebäude in Form von architektonischen Zeichnungen. Dazwischen Farbe. So viel zu entdecken. Stundenlang könnte man davor stehen, von einem zum anderen wandern und immer wieder gäbe es Neues. Julie Merethu heißt die gute Frau. Hätte ich eine größere Wohnung… aber wer wohnt schon in einer Kirche.

Auch schwer beeindruckend, die Bild- und Ton-Installation von Nalini Malani. Farben, Licht, Bilder, Töne. Dreidimensional und der Betrachter mittendrin. Verändert er seine Position, verändert sich das Werk. Sehr lustig die Kunst von Yan Lei. Ein Raum voll Kunst. Ein Bild neben dem anderen. Alle sind sie Fundstücke aus dem Netz. Von Marilyn über Autos, Che oder Blumen. Und jeden Tag lässt er einige davon monochrom mit Autofarben übermalen. Über die Aussage kann man diskutieren. Aber man darf kucken, stöbern, anfassen. So sieht Kunst aus, die Spaß macht. Und Spaß kommt gleich noch einmal. Mit einem Motor als christlichem Symbol, einem Scheibenwischer der christliche Lieder singt. Thomas Bayrle heißt der nicht mehr ganz junge Künstler. Ein Jumbo aus lauter kleinen Jumbos. Okay, nett anzuschauen. Kommt einem heute aber irgendwie bekannt vor. Aber Auto und Christentum. Das ist schon ziemlich groß. Vor allem, wenn man einen begeisterten Theologen dabei hat… Wer auf Reisen geht, der hat was zu erzählen.

Und dann kam da ja noch ein Tag. 

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