Ich hab’s probiert: Floaten in Berlin

Floaten_02Das Unternehmen, in dem ich das Geld für mein Leben verdiene, schenkt seinen Mitarbeitern jedes Jahr zu Weihnachten einen Gutschein. Früher durfte man sich dafür einfach etwas bei einem großen Online-Versandhändler aus den USA aussuchen, der ursprünglich Bücher verkauft hat. Ging aber wohl aus steuerlichen Gründen irgendwann nicht mehr. Dann die Überraschung. Es gibt einen Gutschein für Floaten. Ja. Ah, spannend. Das war 2012. Kurz bevor der große ITB-Wahnsinn los geht, wäre das jetzt doch genau die richtige Entspannung, denke ich mir. Ich bin der erste aller Kollegen…

Also Termin ausmachen und schon nach zwei Tagen stehe ich in Berlin am Hausvogteiplatz. Das Ambiente am Empfang ist unaufgeregt, reduziert, Licht gedämpft. Und auch keiner da. Aber nach ein paar Minuten erstaunten Wartens kommt ein freundlicher Herr aus einem Hinterzimmer. In gedämpfter Stimme fragt er, ob ich denn schon mal dagewesen sei. Ich verneine. Daraufhin darf ich so etwas wie die Nutzungsbedingungen lesen. Dass ich über Krankheiten informieren muss, dass ich vorher und danach duschen soll, … Ich brauche aber nicht zu unterschreiben. Hm, okay…

Der Mann mit der gesenkten Stimme bringt mich in meinen Floatingraum. Alles ist sauber, ordentlich, elegant, in dunkel-gedeckten Farben gehalten. Irgendwie bin ich trotzdem überrascht. Ich hatte so etwas wie einen Tank erwartet. Aber vor mir liegt ein Becken, ungefähr doppelte Badewannengröße. Ich dachte auch, der erwartete Tank wäre tief und dunkel. Das Becken hat eine nach oben gezogene Glaswand, das Wasser steht vielleicht 50 cm hoch. Es läuft Musik, oder so etwas ähnliches. Peruanische Panflöten? Walgesänge? Irgendetwas jedenfalls, dass wohl entspannend wirken soll. Das Licht ist gedämpft, über dem Floatingbecken wechselt es stetig die Farbe.

FloatenNach der Dusche geht’s also ab ins Becken. Das Wasser ist warm und, wie es wohl sein soll, extrem salzhaltig. Reingelegt und gefloatet. Ja, stimmt, untergehen ist nicht. Dafür experimentieren. Musik lauter, leiser, aus. Licht an, Licht aus. So vergeht irgendwie auch die Zeit. Ich floate. Das Gesicht bleibt trocken, die Knie auch, eben alles was so die Vorderseite eines Körpers ausmacht. Nach 15 Minuten habe ich das Gefühl, ich müsste mich auf den Bauch legen, damit ich nicht nur am Rücken mit Sole etwas Gutes für die Haut tue. Aber irgendwie scheint mir am Bauch im Becken zu liegen, dann doch keine gute Idee. Okay, ich lasse es sein. Ich floate. Mal stoße ich links, mal rechts am Becken an. Langsam vergesse ich tatsächlich, dass ich im Wasser liege. Könnte auch eine gute Matratze sein. Ich drehe das Licht ab. Spüre ich tatsächlich die Erdrotation? Was man sich floatend alles so einbilden kann. Bumm! Achja, wieder gegen den Beckenrand gestoßen. Wie lange es wohl noch dauert? Irgendwie wird es ja nicht ganz dunkel – die Notruftaste im Becken muss rot beleuchtet bleiben. War floaten nicht so, wie wieder im Mutterleib sein? Ob meine Mutter eine Notruftaste hatte? Was einem so alles durch den Kopf geht, … Wie lange es wohl noch dauert? Ich würde das schon merken, weil dann die Sole abläuft – war die Ansage. Für mich könnte die Luft im Raum ein wenig wärmer sein. Vorne, also oben, also da, wo ich nicht im Wasser liege, ist ja keine Sole. Ist ja Luft. Aber, dafür die Notruftaste drücken? Und wie schnell könnten die das wohl wärmer machen?

Was ist dieses Rauschen? Das übertönt sogar die Panflöten, die ich wieder angemacht habe. Spüre ich da an den Fersen den Boden des Beckens? Oder bilde ich mir das alles nur ein? Drückt mich die Erdrotation nach unten? Haben die da draußen in der Welt den Luftdruck erhöht? Ach nein. Da sind wohl 45 Minuten vorbei. Meine Haut ist von einer schleimigen Salzschicht überzogen. Ich steige raus, finde einen Regler für die Heizung. Es waren 22 Grad. Ich hätte das selbst hochdrehen können? Hm, ob mir der Herr mit der gedämpften Stimme das absichtlich nicht verraten hat? Ich dusche, ziehe mich an. Draußen erwartet mich die gedämpfte Stimme. Ob alles okay war? Hm, ja, alles soweit okay. Dann danke und schönen Abend noch. Ja, danke. Ihnen auch.

Ein wenig fühlt es sich an, wie eine Mischung aus Solarium und leichter Massage. Ich floate weiter zur U-Bahn. Das war also floaten. Ja. Es war…

Share on Facebook0Tweet about this on TwitterShare on Google+1Share on Tumblr0Share on LinkedIn0Pin on Pinterest0Email this to someone

Vielleicht gefällt Dir ja auch diese Geschichte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *