Greenville – Festival entspannt

Eines vorweg: Es war wunderschön. Ein Tag Urlaub, ein Tag Reisen durch absurd unterschiedliche musikalische Welten. Aber der Reihe nach.

Eins, zwei oder drei… Zum Glück war damit keine Chance vertan. Vielmehr war die Frage: Wie lang wollen wir zur zweiten Ausgabe des Greenville Festivals unweit von Berlin fahren. Was machen also bekennende Festival-Laien wie wir? Line-Up studieren. La Brass Banda am Freitag wär natürlich schon Klasse. Aber Kaiser Chiefs am Sonntag muss eigentlich auch sein. Und Samstag? Hm… kenn ich nicht, kenn ich auch nicht, sagt mir auch nix… Ober schlägt also Unter, Kaiser Chiefs schlagen Brass Banda und Tickets für Sonntag werden gekauft.

Großwetterlage Hochsommer. Prognose 40 Grad. Wie schön, da mischt sich gleich noch ein wenig Sorge in die unermessliche Vorfreude.  Sonnencreme? Eingepackt. Wasser? Eingepackt. Kopfbedeckung. Einge… Naja, zumindest ein paar von uns.

Weil Greenville sich nicht umsonst „green“ in den Namen geschrieben hat, reisen auch wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln an. Regionalexpress nach Brieselang und von dort mit dem Shuttle aufs Festivalgelände. Dass auf der Strecke ein IC hängen bleibt und unsere Regionalbahn deshalb 40 Minuten Verspätung hat steigert nur die Vorfreude. Sozusgaen. Dass das Shuttle in Brieselang nur dank der kollektiven Intelligenz der anreisenden Gemeinde zu finden ist, bezeichnen wir mal als charmant.

Fröhlich und garantiert klimaanlagenfrei geht es mit besagtem, vollbesetzten Bus über Land. Alles schwitzt, alles ist gut gelaunt. Und wie schön, die ersten Überraschungen bei der Ankunft. Da ist ja gar nix los. Keine Menschenschlangen, keine böse kuckende Security, keine Alkoholleichen. Dafür: Ein Kaiser’s. Supermarkt-Impro. Großartig. Da muss man sich doch gleich mal ein Bier holen. Braucht noch jemand Zahnpasta, Klopapier, eine Gurke? Direkt davor fallen wir ins Gras prosten uns zu und lassen die Menschen an uns vorübertreiben. Neben der Musik machen schließlich sie das Festival-Feeling aus. Und sie sind bunt, fröhlich, entspannt, leicht bekleidet und sehr sympatisch. Toll, ganz wie wir.

Nach der obligatorischen Taschenkontrolle ist es dann auch langsam Zeit für Festival. Aus der Ferne hören wir schon, dass wir Gemma Ray verpassen. „Ach, von denen ist dieser Song? Hätte ich das gewusst…“. So geht’s einfach mal rein und wir versuchen uns zwischen Rasensprängern, Dixi Klos, Planschbecken, Buden und Bühnen zu orientieren. Stimmung: prächtig. Wetter: perfekt.

Los geht’s jetzt schließlich mit Hoffmaestro. Noch nie gehört? Willkommen im Club. Aber: großes Versäumnis. Die, gefühlt, 15 Jungs auf der Bühne haben wahnsinnigen Spaß. Und das Publikum mit ihnen. Da kommt Rock, Reggea, Techno, Ska aus den Lautsprechern. Die Crowd springt fröhlich mit, wird von links nach recht, von rechts nach links gejagt. Japst, schwitzt, lacht. Wir mitten drin und nach einer Stunde zum Umfallen fertig. Wie war das nochmal? Achja, die Senatsverwaltung für Gesundheit rät von körperlicher Anstrengung im Freien ab. Okay, war ja keine Anstrengung – nur anstrengend.

Es folgt eine Pause mit Essen, trinken, im Gras liegen. Warten auf Tocotronic. Die Meinungen gehen auseinander. Ich persönlich finde ja, sie sind alt geworden, haben sich etabliert und propagieren aber immer noch den Underdog. Ich finde ja, Dirk von Lowtzow mit grauen Hemd und rosa Hose wäre so gern so jung, so Revolution. Sein „Ihr seid schön. Ihr seid ein wunderbares Publikum. Dankeschön.“ wirkt einstudiert. Irgendwie erinnert mich das ganze an Selig. Das war grandios zu seiner Zeit. Aber jetzt seid Ihr erwachsen. Steht dazu. Diese „Ich bin doch bescheiden“ Attitüde steht Euch nicht.

Nach noch einem Bier, einer Abkühlung unter dem Rasenspränger geht’s feucht-fröhlich von der Radio-Eins-Bühne zur Greenville-Bühne. Kaiser Chiefs! Und nochmal zeigt Greenville was es kann. 5 Euro ins Phrasenschwein. Viele Menschen, genügend um gute Stimmung aufkommen zu lassen. Aber wenn wir nach zwei Songs nach vorne an die Bühne wollen ist auch das ohne Probleme in zwei Minuten drin. Und wir? Mittendrin. Erst ein wenig erschrocken darüber, wie fertig Ricky Wilson so aus der Nähe aussieht. Aber Stimmung machen kann er, immer noch. Und er steht dazu Leadsänger zu sein. Er ist für die Party hier verantwortlich. Seinetwegen sind die Leute gekommen. Und er findet das geil. Der feine Unterschied zu Tocotronic. Und es macht Spaß. Jump!

Was folgt heißt „Oh my God„, „Ruby„, „I predict a riot„, „Modern Way„. Ab geht die Party und die Party geht ab. Keine Zeit für die T-Shirts, nach der Dusche trocken zu werden. Im Gegenteil. Durchgeschüttelt und sehr fröhlich. Mein ganz persönlicher Höhepunkt des Tages.

Und weil’s so schön war:

Weiter geht’s. Da drüben stehen schon Scala & Kolacny Brothers auf der Bühne. Zugegeben, ein harter Schnitt. Das braucht erst etwas Eingewöhnung. Aber nach zwei, drei Liedern, nach ihrer Interpretation von Rammstein und Coldplay breitet sich in der untergehenden Sonne eine tief entspannte, freundliche, zufriedene Stimmung aus. Das Licht wechselt von gelb zu rosa. H macht ein kurzes Nickerchen inmitten der Menge. Wacht plötzlich auf, muss tanzen. Dann tanzen wir. Und wenn die Mädels auf der Bühne so unglaublich süß „Arschloch“ singen, ist die Welt in Ordnung.

Es ist doch noch dunkel geworden. Alles steuert auf das Grande Finale zu. Nick Cave and The Bad Seeds. Live. Mitten in Brandenburg. Er lässt sich Zeit. 5 Minuten, 10 Minuten, 15 Minuten. Immerhin kommt Wind auf. Was dann kommt, ist eine Urgewalt. Unglaubliche Bühnenpräsenz, musikalisches Können der Extraklasse. Dämonisch, findet B das. Beeindruckend-erschreckend, konstatiert H. Ich bin hin und weg. Nichts mit lieb und süß; hart, dunkel, böse. Großartig. Ziemlicher Wahnsinn. Achja, und der Typ ist wirklich so alt wie meine Mutter… ? Also, nicht gegen meine Mutter… aber so rumspringen, so singen, so tanzen, so flirten habe ich sie schon lange nicht mehr gesehen.

Um 23.30 Uhr machen wir uns auf den Weg. Wir sind schließlich weit weg von zu Hause. Relativ. Wir wollen das Angebot der Festival-Macher annehmen und den letzten Zug von Brieselang erwischen, zu dem uns ein Shuttle-Bus bringt. Wie gut, denken wir so bei uns, dass das letztes Jahr nicht geklappt hat und sie deshalb sicher dieses Jahr etwas daraus gelernt haben. Denken wir. Und wir sind nicht die einzigen. Der Bus fährt, ist voll, nur wir nicht drin. Der nächste Bus kommt, ist voll. Wir drin. Ist so spät dran, dass wir den Zug nicht erwischen. Der nächste kommt in 2 Stunden. 00:03 Uhr in Brieselang. 70 Menschen verärgert am Bahnhof . Wir versuchen ein Taxi aufzutreiben. Für 50 € nach Spandau. Der Taxifahrer hatte schon geschlafen. Der Busfahrer und der Kollege vom Festival entscheiden: Der Bus fährt uns nach Spandau. Jubel. Der Taxifahrer ist froh, dass er nicht fahren muss. Wir steigen in den Bus. Es beginnt zu regnen. 40 Grad im Saunabus nach Spandau. Wir erwischen grade noch den letzten ICE – S-Bahn fährt nicht mehr.

Am Ende waren wir zwei Stunden unterwegs. Das Festival-Glücksgefühl hat ein wenig gelitten. Schade eigentlich. Aber einen Tag danach sagt uns Facebook, wir waren viele. Und viele haben den Machern das Gleiche zu sagen wie wir. Das mit dem Shuttle üben wir noch. Aber sonst, liebe Greenville-Macher, war das ein wunderschönes Festival. Vielen Dank dafür. Mehr davon. So schön kann Sommer sein. Nächstes Jahr wieder, bitte!

PS: Wer Lust auf gute Laune hat, Hoffmaestro kommen im Oktober nach Berlin.

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