Einfach mal nach Warschau

Sonnenuntergang Warschau

Wir wollten mal wieder etwas zu dritt unternehmen, B, I und ich. Irgendwo hinfahren, wo wir noch nicht waren, keiner von uns. Die Wahl fiel auf: Warschau. Eigentlich auch schwer vertretbar, wenn man nach so langer Zeit in Berlin noch nie in der benachbarten Hauptstadt war. Aber das ist ja schnell geändert. Also mal wieder ab nach Polen.

Kulturpalast Warschau
Für eine entspannte Anreise sorgt der Berlin-Warschau-Express. Gut, das mit dem Express ist so eine Sache, aber wir haben es ja nicht eilig. Außerdem gibt es hier Kaffee und Wasser gratis an den Platz. Sehr freundlich, von der Polnischen Bahn. Der landschaftlichen Schönheit wegen muss man die rund fünf Stunden übrigens nicht Zug fahren. Sieht alles aus wie Brandenburg. Was sich allerdings schlagartig ändert, als wir uns Warschau nähern. Ein wenig fühle ich mich, gewagter Vergleich, an Bangkok erinnert. Ein Hochhaus neben dem anderen, überall scheinen noch mehr davon in die Höhe zu wachsen. Dieser Drang in die Höhe ist allerdings wohl kein neues Phänomen hier an der Weichsel – das beweist der erste Anblick, als wir den Bahnhof verlassen. Dort steht das Wahrzeichen der Stadt, das höchste Gebäude des Landes – der Kulturpalast. Bis heute ist er das höchste Gebäude Polens und auch nach über 60 Jahren weiß er in seinem sozialistischen Klassizismus noch zu beeindrucken. Kino, Museum, Tourist Info, Konferenzzentrum, Theater, … ein echter Kulturpalast eben. Vielleicht machen ihm seine neuen Nachbarn, wie das von Daniel Libeskind entworfene Hochhaus, Konkurrenz. Sie machen aber auch sofort klar, dass die polnische Hauptstadt ihre Vergangenheit bewahrt und dabei mit selbstbewusstem Schritt in die Zukunft geht. Soviel gibt sie uns schon mal mit, bevor wir selbst mehr als ein paar Schritte hier gemacht haben.

Mehr als ein paar Schritte werden es auch nicht, bis wir bei unserer Unterkunft sind. Ein Penthouse Appartement haben wir gebucht. Mitten im Zentrum. Mit den Bildern auf der Buchungsplattform hat es in der Realität allerdings recht wenig zu tun. Was soll’s, gehen wir eben Bier trinken.

Warschau Altstadt Altstadt Warschau Warschau Altstadt bei Nacht Warschau Altstadt bei NachtAuch mit seiner Altstadt weiß Warschau uns zu beeindrucken. Klöster, Schlösser, Stadtmauer, alte Herrenhäuser. Alles ist gut in Schuss, sehr repräsentativ. Wir laufen durch die Straßen, über die Plätze, freuen uns über ein „echtes, historisches Zentrum“ – worüber man sich halt so freut, wenn man in Berlin lebt. Zwei Namen begleiten uns dabei auf Schritt und Tritt. Chopin und Kopernikus. Ersterer ist ja auch tatsächlich hier aufgewachsen, was uns die vielen Denkmäler, Museen und Festivals erklärt. Warschau ist Chopin-Stadt. Wie sich das mit Kopernikus verhält, muss ich erstmal bei Wikipedia nachschlagen. In jedem Fall merken wir schnell, dass Warschau sich als Kultur- und Wissenschaftsstadt versteht. Vielleicht sollte sich das ganze Land das eine oder andere Mal daran ein Vorbild nehmen? Schließlich waren die beiden geehrten Herren auch damals schon echte Europäer…

Aber genug davon. Unsere Pläne sind vielfältig, für dieses Wochenende. Wir wollen die Altstadt erkunden, die Weichsel entlangspazieren, den Kulturpalast anschauen und ins Museum für die Geschichte der Polnischen Juden. Ich sag’s wie’s ist: Geschafft haben wir am Ende davon fast nix.

Bier in WarschauImmerhin: Nach dem ersten Bier am Freitagnachmittag wandern wir tatsächlich an das Ufer der Weichsel. Sogar die Flussseite wäre die richtige. Wir schauen rüber auf das Stadion, laufen am Schloss vorbei. Nur die Kneipen, von der I’s Kollegin gesprochen hat, finden wir nicht. Also beschließen wir kurzerhand, stattdessen ganz Touri-like am großen Markplatz in der Altstadt zu essen – gemischte Pierogi. Ich hätte ja gewettet, dass wir in einer Touristenfalle sitzen, aber rund um uns nur Polen und sowohl das Essen als auch der Preis sprechen eindeutig dagegen. Ich beschwere mich auch gar nicht…

Der nächste Tag beginnt mit einem 10-Kilometer-Lauf. B und I schlafen noch. An der Weichsel entlangzulaufen müsste doch ganz nett sein, denke ich mir. Laufschuhe an, Hörbuch rein, aus der Haustür raus. Die Weichsel finde ich auch, mit ihr freilaufende Hunde, Baustellen, 6-spurige Straßen und die Alkoholleichen des Vorabends. Naja, die Idee war gut und die 10 Kilometer werden trotzdem voll. Immerhin finde ich die Kneipenmeile ein paar Kilometer stromaufwärts. Sieht sehr stylish und sympatisch aus, merke ich mal für den Abend vor. Zum Laufen, merke ich ein paar Stunden später, geht man in Warschau in den Park.

Łazienki Park Warschau Łazienki-Park Warschau Den Rest des Tages verbringen wir mit drei Dingen: Im Park sitzen, Bier trinken, Abendessen. Geplant war das ja anders. Aber Warschau lädt dazu ein, einfach zu sein. Wahrscheinlich ist es dabei auch ganz hilfreich, dass wir mit unserer Kollegin verabredet sind, die hier lebt und arbeitet. Sie zeigt uns eine Kneipe im Lazienki Park, die so improvisiert und entspannt ist, dass wir schon mal zwei Stunden bei Kaffee und Kuchen sitzen bleiben. So machen das aber wohl auch die Warschauer selbst. Wer am Wochenende nicht aufs Land fährt, geht in den Park.

Nach der ganzen Anstrengung schaffen wir es immerhin uns zu bewegen und landen in eine ziemlich coolen Craft Beer Kneipe an der Nowy Swiat, dem Cuda na Kiju. Dort sitzen wir draußen ein einem Platz, der so sozialistisch aussieht, als wäre er aus dem Bilderbuch. Zumindest fast. Die Palme in der Mitte gibt dem Ganzen einen exotischen Touch – und beim zweiten Bier lernen wir, dass sie der traurige Rest eines groß angelegten Kunstprojekts ist. Ein Bier folgt auf das andere, wir beobachten Menschen und Verkehr, die Sonne kommt hinter einem Haus hervor und verschwindet hinter einem anderen. Wir schaffen insgesamt 11 von 14 Biersorten.

Sonnenuntergang WarschauPalme mitten in WarschauDie Stunden vergehen und wir tun genau das Richtige. Nichts. Irgendwann treibt uns dann allerdings der Hunger weiter. Wir schaffen es ins schon am Vorabend ausgespähte polnische Lokal Specialy Regionalne – es gibt Pierogi und polnische Würste. Das Essen schmeckt. Auf der Nowy Swiat lassen die Menschen sich an diesem lauen Sommerabend vorbeitreiben, die Stadt ist lebendig und bunt. Wir lassen uns ein Stück mittreiben.

Warschau Nowy SwiatNeuer Tag, neues Glück. Er beginnt mit einem Frühstück bei Croque Madame. Nicht nur Chopin hatte einen Hang zu Frankreich, auch im heutigen Warschau ist diese Affinität allgegenwärtig. So sitzen wir also wieder auf der Nowy Swiat und freuen uns über ein hervorragendes, liebevoll angerichtetes Frühstück. Morgens erinnert die gestern noch so bunte Straße recht deutlich an die Fußgängerzone von Vöcklabruck. Irgendwie aber auch ganz sympatisch.

Libeskind Hochhaus Warschau Blick auf Warschau vom Kulturpalast B und ich schaffen es dann immerhin noch auf die Aussichtsplattform des Kulturpalasts. I bleibt unten und bewacht das Gepäck – am Hauptbahnhof sind alle Schließfächer belegt. Interessant. Warschau von oben ist für mich wieder eine Aussage. Noble Neubauten, historische Altbauten, dahinter und zwischendrin heruntergekommene sozialistische Platten. Der Ausblick macht das Gefühl sichtbar, das viele Menschen hier zu haben scheinen: „Dort ist der Fortschritt, dort ist das Geld. Aber mit meinem Leben hat das nichts zu tun, bei mir ist er nicht angekommen.“

 

Libeskind Hochhaus Warschau Obelisk in Warschau Warschau Autobahn WarschauEindrücke hat Warschau viele hinterlassen. Irgendwann muss ich sie bei einem zweiten Besuch nochmal überprüfen – und das Kulturprogramm in Angriff nehmen, dass wir beim ersten Mal einfach haben sein lassen.

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