Ein Plädoyer für das Alleinreisen

Markus Aspetzberger

Alleinreisen_IMG_3890Ja, ich gebe es zu. Ich war anfangs auch skeptisch. Erst hatte ich fast zwei Jahre darum gekämpft, trotz Vollzeitjobs endlich mal wieder eine große Reise machen zu können. Als die Schlacht geschlagen und ich als Sieger daraus hervorgegangen war, kam plötzlich die Ernüchterung. Was zum Teufel hat mich bloß geritten? Jetzt musste ich ja tatsächlich „plötzlich“ zwei Monate auf Reisen gehen – alleine. Länger als eine Woche war ich noch nie alleine unterwegs – und auch das war nur Malta.

 

Meine Güte, was ist mir alles durch den Kopf gegangen. Die einsamen Stunden am Strand, die vielen leeren Hotelzimmer, die alleine getrunkenen Biere, die mit niemandem geteilten Erlebnisse, die Überforderung beim Treffen von Entscheidungen, das Übers-Ohr-Gehauen werden, das Nicht-Erwachsen-Genug-Sein-Gefühl, die vielen fremden Gefahren, die gefährlichen Fremden,… Die Liste könnte ich jetzt noch ewig lang werden lassen. Tu ich aber nicht. Weil hier und jetzt kann ich sagen, und ich sage es laut: Ich würde es sofort wieder tun.

 

Es hat sich nichts von meinen Sorgen und Ängsten bestätigt. Eher haben sie sich ins Gegeneil verkehrt. Die Chance, jede Entscheidung einfach nur für mich selbst zu treffen hat ungeahnte Freiheiten eröffnet. Selbst zu entscheiden, was ich wann erleben will, führt plötzlich zu lange nicht mehr erlebter Intensität. Mich mit niemandem abstimmen zu müssen, lässt die eigenen Bedürfnisse klar werden. Was ich mache ist egal, oder ob ich überhaupt irgend etwas mache. Die einzige entscheidende Instanz bin ich – und tun was ich will, ist eigentlich ganz einfach. Und wie ist das mit dem Allein-Sein? Ganz einfach: Allein-Sein ist nicht.

Das klingt vielleicht jetzt seltsam, aber es passiert einfach so. Dabei ich bin jetzt nicht gerade als Mr. Most-Outgoing and Easy-Going bekannt. Aber wenn man alleine reist, trifft man so viele Menschen, lernt so viele spannende Einheimische, lustige oder seltsame andere Reisende kennen, dass man für allein sein gar keine Zeit hat. Zumindest kann ich das für Südostasien sagen. Und sind es nicht, viel mehr noch als Sehenswürdigkeiten und Landschaften, die Menschen, die eine Reise erst spannend machen? Die das Leben spannend machen? Sind es nicht sie, die Geschichten lebendig werden lassen? Sind es nicht die Einheimischen, die uns erst den wirklichen Zugang zu ihrem Land ermöglichen? Und die anderen Reisenden, die uns mit ihren Geschichten verführen und inspirieren, die Pläne ändern lassen und uns zu Abenteuern locken? Ich behaupte: Es ist genau so und nicht anders. Deshalb denke ich so gerne an Sidd in Bangkok, an Paul in Bagan, an Tanvir in Nay Pyi Daw, an Heide in Ngapali, an Kit in Phnom Penh oder Ryan in Kep. Deshalb drehen sich die Geschichten die ich erzähle so oft um diese Menschen.

Manchmal verbringt man nur Stunden miteinander, manchmal sind es Tage. Weil das aber beide wissen, wird die gemeinsame Zeit so intensiv. Intensiv, wie das in unserem Alltag gar nicht möglich ist. Man lässt einfach das Unwichtige weg, kommt gleich zum Essentiellen. Tauscht aus was einen bewegt, wohin man will, woher man kommt, was einen prägt. Teilt die Freude über kleine Dinge und die Angst vor noch kleineren. Man erlebt gemeinsam Neues – oder erlebt gemeinsam Nichts. Eine Busfahrt über elf Stunden kann wildfremde Menschen unheimlich zusammenschweißen. Man lacht gemeinsam, flucht gemeinsam, leidet gemeinsam, freut sich gemeinsam. Dann hat man sein Ziel erreicht und jeder geht seines Weges. Aber elf Stunden lang hat man etwas geteilt, hat eine Erinnerung und eine Geschichte mehr zu erzählen. So bleibt noch nicht einmal Zeit für das berühmte Allein-Sein unter Menschen.

Alleinreisen_IMG_3900Ich behaupte: Wer alleine reist, wird sehr viel Freundlichkeit finden. Menschen die helfen wollen, neugierig sind, sich mitteilen. Es ist ein geben und nehmen. Es macht reich. Ja, ich gebe auch zu, es gab den einen oder anderen Moment, da hätte ich auch mal Ruhe gegen Gesellschaft eingetauscht. Als ich eineinhalb Wochen nach Antritt meiner Reise einfach einen Abend ohne Programm und Begleitung hatte, einfach nur mit meinem Buch in einer Straßenkneipe sitzen und ein Bier trinken wollte. Nur: Hätte ich nein sagen sollen, als die beiden englischen Mädels meinten „We just saw you sitting there alone and were wondering, if you’d like to join us for a beer. It’s our first evening around here.“ Natürlich nicht, ich war viel zu neugierig, was sie an den Inle Lake gebracht hat, was sie weiter im Norden erlebt haben und wo es sie noch hintreiben würde. Außerdem fand ich die Geste einfach so entzückend. Ich habe es dann am nächsten Abend geschafft, einfach einmal allein zu sein. Es hat sich gut angefühlt.

So ist man als Alleinreisender eben nur dann allein, wenn man das auch sein will. Man ist eine reisende Einladung an andere Menschen, Kontakt aufzunehmen. Allein zu reisen ist eine großartige Erfahrung. Sie lässt die Welt größer werden, die Menschen freundlicher und sich selbst jeden Tag ein Stück zufriedener. Ich bin mir sicher, es ist nicht das Richtige für jeden. Aber wenn Du das hier liest, weil Du vielleicht darüber nachdenkst, ob Du es machen solltest, dann hast Du Dir die Antwort schon selbst gegeben. Und ich wünsche Dir ganz viel Spaß dabei!

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2 Kommentare

  1. Richtig guter Beitrag! Ich kenn das selbst nur allzu gut, auch wenn ich noch nie so weit weg allein gereist bin. Zuerst voller Euphorie, dann frag ich mich was ich mir dabei nur gedacht hab & dann ist’s schlussendlich die beste Zeit!

    1. Danke für die Blumen! Wenn ich gerade so drüber nachdenke, müsste ich eigentlich schon wieder los… Falls Du doch auch mal so weit weg willst, ruf an. Ich hab da noch den einen oder anderen Tipp .-)

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