Drei Abende in Kambodscha

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Es waren nicht irgendwelche Abende, tatsächlich waren es drei Abende in Folge. Unterschiedlicher hätten die kaum sein können, spannender wohl auch nicht.

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Alles fängt in Battambang an. Beim Abendessen treffe ich Many. Er ist 25 und unterrichtet seit einem Jahr Englisch an einer Grundschule in der Stadt. Er meint, er wisse, wo es das beste Khmer Curry der Stadt gebe. Das lasse ich mir doch nicht entgehen und so sitzen wir bald gemeinsam an einem Stand am Nachtmarkt. Mit dem Curry hat er recht – intensiv aber nicht zu scharf, dazu frische Kräuter und grüne Bohnen. Während wir essen, erzählt er von seinem Studium, dass man in Battambang als Lehrer immer noch eine Art Respektsperson sei, dass Phnom Penh ihm zu laut und hektisch war. Nach zwei Wochen ist er nach Battambang zurück geflohen. Er wenig fehlt ihm hier dann zwar Kultur, Weltgewandtheit; das fände man hier nicht so sehr. Außerdem meint er, gäbe es kein einziges Lokal, in dem man andere Schwule treffen könne. Sieh mal einer an. (Denk ich mir, sag ich aber nicht.) Die Menschen hier in der Provinz seien dafür aber auch nicht aufgeschlossen. Als er selbst seiner Mutter erzählt hat, dass er keine Frau heiraten wolle, hat sie das zur Kenntnis genommen. Seither will die aber nichtmehr darüber sprechen.

Etwas schüchtern lädt er mich nach dem Essen ein, mir mit seinem Roller die Stadt zu zeigen. Und so fahren wir vorbei an Pagoden, das eine Flussufer rauf, das andere wieder runter. Wir setzen uns in den Park am Wasser. Hinter uns treiben Jung und Alt ihren Abendsport im Freiluft-Trimm-Dich-Pfad. Eine Beziehung hätte er ja schon gerne. In Battambang sei das schwierig. Weg will er trotzdem nicht. Aber er hofft, dass die Dinge sich bald ändern. Es käme ja Weihnachten, das sei immer ein schönes Fest mit der ganzen Familie. Erstaunt frage ich, ob man das als Buddhist hier tatsächlich feiere. Daswohl nicht, meint er, aber er sei ja auch Christ. Nicht dass er oft in die Kirche ginge, aber ist eben so, in der Familie. Einen Weihnachtsbaum wird es auch wieder geben, nur eben keinen echten. Schnee sehen wäre auch toll, aber in Kambodscha gibt es nie welchen. Mich interessiert natürlich brennend, ob es denn auch kambodschanische Weihnachtskekse gibt. Tut es aber nicht, und er persönlich fände Kekse auch nicht so toll. Eine Ananas zu Weihnachten tut es auch. Ich wünsche ihm, als er mich mit dem Roller am Hotel absetzt, ein frohes Fest – und dass seine Hoffnungen für Kambodscha in Erdüllung gehen. 

Ich bin schon in Phnom Penh. Jemand schreibt mir. Ob ich Lust hätte, bei einem Bier ein wenig zu plaudern. Ich halte das für eine gute Kombination und sage ja. Mit dem Roller holt er mich direkt am Hostel ab. Sein Name ist Kit. Er hat lange in der Hotellerie gearbeitet und spricht hervorragend Englisch. Ein wenig hektisch erklärt er mir, dass wir es eilig hätten. Die Bar in die er will, hätte nur noch kurz Happy Hour – zwei Angkor zum Preis von einem. Es ist ein netter Laden, mitten in der Stadt mit Blick auf den Fluss. Wir sitzen auf der Terrasse im zweiten Stock, mit uns eine bunte Mischung aus Einheimischen und Kambodschanern. Nur die Happy Hour ist eigentlich schon vorbei. Irgendwie überzeugt Kit die Kellnerin davon, eine Ausnahme zu machen und bestellt zur Sicherheit gleich vier Bier. Dann beginnt er, immer noch ziemlich rastlos, zu erzählen. Dass er seinen Job geschmissen hat, weil er etwas anderes machen will. Das war vor 8 Monaten. Nur weiss er noch immer nicht, was er machen will. Seine Familie sei schon ziemlich genervt. Er auch, vom ganzen Land. Weil Kambodscha die Kultur fehle, die Perspektive, das Land seinen jungen Leuten nichts zu bieten habe. Er wäre ja gern Maler, aber hier ginge das einfach nicht. Deswegen will er ins Ausland – nur habe man dort auch nicht auf ihn gewartet. Seine Referenzen wären nicht ausreichend. Auch wenn er es erst mit einer Bewerbung in Australien versucht hat. In Europa war er schon, London, Barcelona, Paris, Berlin. Leben möchte er dort dann aber doch nicht.

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Als das Bier fast aus getrunken ist, wird er noch ein wenig hektischer. Er hat einer Freundin versprochen, zu einer Ausstellungseröffnung zu kommen. Es geht um LGBT Rechte ein Kambodscha. Sehr spannend, meine ich. Und wir gehen hin. In den Räumen des Clubs der ausländischen Korrespondenten hat sich schon eine bunte Schar eingefunden. Auf der Bühne singt eine Transe sich gerade enthusiastisch heiser. Gleich danach gibt eine Truppe Jungs eine Breakdance Show. Ganz großartig. Die Ausstellung selbst ist überschaubar, dafür mit ganz viele Liebe zum Detail gemacht. Portraits schwuler, lesbischer und transgender KambodschanerInnen aus dem ganzen Land geben einen Eindruck von der Situation in der sie leben. Die Materialien sind alle zweisprachig – zu meinem Glück. Wir spazieren herum, schauen, lesen. Ich kann Kit nur sagen, dass er af so ein Projekt, mitten in der Hauptstadt, schon stolz sein kann. Ein gutes Zeichen.

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Nach dem Abendessen bringt er mich wieder zum Hostel. Im strömenden Regen fahren wir af dem Roller durch eine festlich beleuchtete Stadt, die für mich nach diesem Abend sehr viel freundlicher aussieht, als nur ein paar Stunden davor. Kit ist ein wenig niedergeschlagen, weil den ganzen Abend nur er geredet hat. Mich hat das nicht gestört. Ich meine nur zu ihm, dass es vielleicht einfach Zeit wäre etwas zu tun. Reden allein, bringt ihn ja doch nicht weiter. Jaja, das sei ihm klar. Aber das hier sei doch Kambodscha…

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6 Stunden Minibus, 350 Kilometer gen Osten. Ich wohne in der Indigenius People Lodge in Sen Monorom, Mondulkiri. Es ist die kleinste Provinz Kambodschas und sie wird zu 80 % von den Bunong bewohnt. Nach LGBT Rechten gestern, sitze ich jetzt in meiner Hütte mit Bambusmatten, Bambuswänden, und einer Matratze am Boden. Wunderschön. Am Abend treffe ich auf der Terrasse Allan. Er ist Künstler, Belgier. Aber eigentlich sagt er das nicht so gern, weil er seit 30 Jahren durch die Welt reist. Gerade ist seine Heimat Peru – auch wenn er jetzt für 3 Monate in Kambodscha ist. Wir unterhalten uns gerade über den Zustand der Welt und der EU, als Manel zu uns kommt. Er ist der Herr des Hauses, selbst Bunong und nie um einen dummen Scherz verlegen. Ob wir uns denn ihm anschließen würden, fragt er uns. Er möchte eine ‚Jar‘ Reise ein aufmachen, eine lokale Spezialität seines Volkes. Ich gebe zu, erst habe ich etwas Respekt. Aber nein sagen ist bei einer solchen Einladung ohnehin keine Option. Es versammeln sich also neben Manel noch der Australier Tim mit seiner kambodschanischen Freundin, eine junge Katalanin, ein Malaye, Allan und ich um einen großen Tisch. In der Mitte steht der volle Stolz unseres Gastgebers. 20 oder 25 Liter dürfte dieser Tonkrug schon fassen. Na Prost. Eigentlich, lerne ich, wird dieser Reiswein zu ganz besonderen Anlässen getrunken. Und dass wir hier sind, ist so ein Anlass. Da fühle ich mich schon ein wenig geschmeichelt. Was jetzt folgt, ist ein Zeremoniell. Der Verschluss wird geöffnet, rundum dürfen alle einmal riechen und erfreut abwechselnd ‚ahhh‘ und ‚ohhh‘ sagen. Dann werden frische Maniokblätter aus dem Garten oben hineingepresst. Darunter befindet sich schon gekochter Reis, etwas Zucker, natürliche Hefe und irgendwelche Bestandteile, die Manel uns nicht so ganz erklären kann. Das Ganze wird jetzt mit Wasser aufgegossen und muss dann 15 Minuten ziehen. Unterdessen entspinnt sich am Tisch ein reges Gespräch über die Umtriebe von NGOs in Kambodscha, die wohl nicht immer das Wohl des Landes über ihr eigenes stellen. Manel beteiligt sich nicht, wirft stattdessen ungeduldig alle 2 Minuten einen Blick auf die Uhr. Und tatsächlich ist nach 15 Minuten eine viertel Stunde vorbei.

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Jetzt bekommt jeder sein Trinkgerät. Reiswein wird bei den Bunong nämlich mit Bambusrohren getrunken. Jeder steckt dieses 50 cm lange Stück Bambus mit aller Kraft durch alle Lagen bis zum Boden des Tonkrüge. Und dann… Wird reihum getrunken. Wir fragen uns noch, wie das mit Alkohol und Strohhalmen so war, als wir noch mehr lernen. Für jeden Schluck den wir nehmen, wird nämlich weiteres Wasser nachgegossen. Zielmist es, dass jeder pro Runde in einem Zug einen halben Liter Reiswein trinkt. Na Prost. Beim ersten Versuch schlage ich mich gar nicht so schlecht. Zumindest gibt es Applaus aus der Runde. Der Wein ist recht leicht, ein wenig süßlich. Kann man gut trinken. Nach Runde zwei habe ich das Gefühl, dass mein Gehör Schaden nimmt. Irgendwie kommt mir alles so laut vor. Bei Runde drei schaffe ich den halben Liter und bekomme ein sehr stolzes Lächeln vom Gastgeber. Bei Runde vier will ich aussetzen. Geht aber nicht, das wäre ganz schlecht, weil ich damit den Beschützergeist des Hauses verärgern würde. Zum Glück erklärt Manel uns nach dieser Runde vier, dass er jetzt auch schon ein wenig betrunken sei. Das sei aber okay, meint er. Der Krug wäre ja noch voll, und wir tränken einfach morgen Abend weiter. Was bin ich erleichtert. Und ich glaube, es liegt nicht nur am Reiswein, dass an an diesem Abend sehr beseelt in meiner Bambushütte einschlafe.
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