Dreckig laut chaotisch und einfach wunderbar. Das muss Bangkok sein.

Ich gebe zu, ich springe jetzt ein wenig hin und her. Vom Anfang zum Ende und wieder zurück. Aber mir ist gerade danach, eine Liebeserklärung an Bangkok niederzuschreiben. Bevor B und ich uns auf den Weg machten, hatten wir zu dieser Stadt zwei verschiedene, nicht miteinander vereinbare Meinungen kennen gelernt. So schnell wie mögliche weg vs. Treiben lassen und genießen. Dieser Text ist eine Liebeserklärung, wir haben uns also entschieden.

Der ursprüngliche Plan sah ja ohnehin vor, drei Nächte zu bleiben. Die zweite von unzähligen wunderbaren Idee auf dieser Reise. Was die erste war? Natürlich das Banyan Tree. Das habe ich aber schon das eine oder andere Mal erwähnt.

Wie schreibt man jetzt eigentlich eine Liebeserklärung an eine Stadt? Meine für Bangkok muss mit den Worten beginnen: Es ist laut, es ist chaotisch, es ist dreckig, es ist heiß, es ist lebensgefährlich, es ist einfach nur großartig. Der Weg vom Flughafen verheißt Großstadt und er zaubert mir ein erwartungsvolles Staunen ins Gesicht. Leere Autobahnen, rasenden Taxis, Werbetafeln so groß wie das Brandenburger Tor. Wir fahren ab und stehen mitten im vielfach angekündigten Stau. Alles ist voll mit Menschen. Es ist Dezember und die Sonne brennt vom Himmel. Später wollen wir uns zu Fuß durch die Stadt bewegen. Ich glaube, es dauert 10 Minuten bis wir wissen: Das ist lebensgefährlich. Fußgänger sind hier einfach nicht vorgesehen (auch wenn ich es schaffe Bilder zu machen, die anderes vermitteln wollen). Und so lernen wir, uns auf eine sehr aufmerksame, durchsetzungsstarke Art durch die Stadt zu bewegen.

Achja, Bewegung. Zu Fuß ist eine Herausforderung. Also Taxi. Und nie vergessen: „Turn the meter on please“. Das funktioniert auch immer. Fast immer. Bis auf einmal. Da erklärt der Taxifahrer uns, es ist so viel los, dass er nur zu Fixpreisen fährt. Okay, dann steigen wir wieder aus. Die Logik erschließt sich uns trotzdem nicht. Macht aber nix. Am liebsten bewegen wir uns ohnehin am Chao Phraya. Mitten durch die Stadt fließt diese Lebensader, so breit, so voller Leben und genau so wuselig wie der Rest des Molochs. Fähre, Linienboote, Touristenboote, Restaurantschiffe, Lastkähne. Sie alle bevölkern eine Wasserstraße, die links und rechts von Hotelhochhäusern, Tempeln, Restaurants und schwimmenden Wohnungen gesäumt ist.

Zugegeben, wir finden es eine kleine Überwindung, die Erzählungen von zu Hause auch in die Tat umzusetzen. Wie weiß man denn, welches Boot ein Linienboot ist und welches ein Touriboot. Und wie, verdammt, finde ich raus, welches Boot in welche Richtung fährt? Wo bekomme ich nochmal einen Fahrschein? Und warum geht dieses Linienboot nicht unter, obwohl gefühlt 350 Menschen mitfahren, wenn nur 100 Platz haben? Wir sind lernfähig. Alles geht. Alles ist chaotisch, alles ist ganz einfach. Und alles funktioniert. Der Fluss ist der schnellste Weg vom Königspalast nach Hause. Es ist auch der schönste Weg. Der mit Abstand günstigste. „Was machen wir denn Morgen? Lass uns nochmal Linienboot fahren!“ Die einfachen Dinge sind manchmal die Schönsten.

Die Nacht kommt früh, die Nacht kommt schnell. Zumindest im Dezember. Um 18 Uhr beginnt es zu dämmern. Um 18.30 Uhr ist es dunkel. Jetzt beginnt das Leben. Garküchen rollen auf die Straßen, Marktstände werden aufgebaut, Touristen in kurzen Hosen und Sandalen mischen sich mit Menschen, die in Anzug und Krawatte das Büro verlassen. Der Verkehr steht wieder. Wir möchten uns einfach in ein Straßencafé setzen und das Treiben beobachten. Mit Straßencafés ist es aber wie mit Fußgängern. Sie sind nicht vorgesehen. Also müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen. Aus den eigenen Routinen und Vorstellungen ausbrechen. Was machen, um das Treiben zu beobachten? Einfach mittreiben lassen.

Bangkok ist ja auch die Stadt der Tempel. Gezählt habe ich sie nicht, aber das hat sicher jemand anderes vor mir schon gemacht. Es sind in jedem Fall viele – und man darf fast jeden besuchen. Ich habe meinen Lieblingstempel gefunden: Wat Arun – der Tempel der Morgendämmerung. Am Chao Phraya gelegen unterscheidet ihn manches von den anderen heiligen Städten. Zum Beispiel, das oberflächliche Fehlen von Gold. Porzellan gibt ihm sein unverkennbares Aussehen. Es gibt ihm etwas bescheidenes und doch erhabenes. Wer sich traut die Stufen zu erklimmen, die mehr mit einer Leiter als mit einer Treppe gemein haben, wird mit einem atemberaubenden Blick belohnt. Das Treiben auf dem Fluss, die anderen Tempel, auf der anderen Seite des Flusses der Königspalast – und so etwas wie Ruhe. Zur Landseite ein Teil der Stadt, der mit Touristen nichts zu tun hat. Hier wohnen einfach nur Menschen. Hier stehen Buddhastatuen auf Pick-Ups. Hier gibt es noch Schleusen für „Schnellboote“.

Achja, Schnellboote. Eigentlich sollte Bangkok ja einmal mit einem Netz von Kanälen überzogen werden. Es gibt auch einige davon. Nur wuchs die Stadt schneller, als die Kanäle die nötigen Transportmittel aufnehmen konnten. Diesem Umstand haben wir sechsspurige Straßen zu verdanken. Aber einige dieser Kanäle gibt es noch, und sie werden zum Teil auch mit Linienbooten befahren. Wie zum Beispiel beim Jim Thompson House.  Dort gibt es einen Anleger und das Boot bringt seine Passagiere in rasender Fahrt (gegen die Gischt werden einfach Planen hochgehalten) in Richtung Golden Mount. Kostenpunkt: 40 Cent.

Und wenn wir dann abends durch Silom laufen, die Luft misst noch 28 Grad, selbst in den dunkelsten und kleinsten Gassen stehen noch Garküchen, … finden wir uns irgendwann in einem kleinen Restaurant wieder. Der Besitzer hat Jahrzehnte lang in den USA gewohnt. Heute besitzt er dieses kleine Haus. Auf dem Dach der Garage hat er sein kleines Restaurant eingerichtet. 5 Tische, viel Grün und von außen kaum zu entdecken. Wer sich aber die Wendeltreppe nach oben traut, wird von unglaublich fröhlichen, freundlichen Menschen empfangen, findet ein kleines Versteck mitten im Amüsierviertel. Wir essen Fisch, trinken Bier. Das zweite Bier bekommen wir nie. Wohl weil die Kellnerin beschlossen hat, dass ein Bier pro Person ausreicht. Auch das gehört dazu, wie die Flasche Wasser und das Mückenspray – geht beides aufs Haus.

Und wenn uns da zu ruhig, zu still, zu wenig ist… finden wir den Nachtmarkt, gleich um die Ecke. In die Massagesalons vor denen die jungen Männer sitzen, traue ich mich offen gestanden nie rein. Ich möchte schließlich nur eine Massage. Ja, das ist vielleicht immer noch ein böses Vorurteil. Dafür gehen wir auch in keine Ping-Pong-Show. Wir kaufen auf keine Pornos – weder Hetero noch Homo noch China.

Zurück an den Ausgang. Wir kommen an, es ist Dezember. Die ganze Stadt ist geschmückt. Mit Christbäumen, Weihnachtsmännern, Girlanden, Rentieren. In den Malls läuft Weihnachtsmusik. Wir feiern Silvester mit S und T, die zufällig auch in der Stadt sind. Ein Seefood-Restaurant an der Haltestelle Victory Monument. Wir vier sind die einzigen Europäer Aber alle anderen tragen zur Feier des Tages Weihnachtsmannmützen. Es ist Mitternacht. Große Freude, alle johlen, Live-Musik, Feuerwerk im Fernsehen. Um halb eins gehen alle nach Hause. Wir gehen weiter. Es ist ja unser Silvester. In Thailand kommt der Jahreswechsel ja erst später. Eigentlich. Aber vorher kommt noch chinesisches Neujahr.

Es ist drei Uhr nachts. Es ist laut, es ist heiß, die Straßen sind voll, wir laufen am 1. Januar im T-Shirt durch die Stadt. Mitten in Bangkok, vorbei am St. Josephs Convent, zurück in unser Hotel. In unser Zimmer im 49. Stock. Das Licht machen wir nicht an – der Blick auf die Stadt ist wunderschön. Und Bangkok ist eine tolle Stadt. Deswegen müssen wir wieder kommen, wollen wir wieder kommen.

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