Die Kunst, die documenta zu retten

Nach einem überaus kurzweiligen Abend im La Cage (eine Kneipe, mittendrin, bunt gemischtes Publikum verkehrt bei Matthias und seinem Verlobten, über der Tür flattert eine Regenbogenfahne) wartet Frühstück auf der Parkgaragen-Dachterrasse auf uns. Der Himmel zeigt sich von seiner spektakulären Seite – tiefes Blau, weiße Wolken, ganz hinten zieht es dunkelst Grau auf. Aber ich vertraue auf mein iPhone. Das sagt, es wird nicht regnen. Es soll Recht behalten. Nach der morgendlichen Stärkung beschließen wir, den Tag im Grünen zu beginnen. Koffer am Bahnhof eingesperrt und mit dem documenta-Bus geht es runter in die Friedrichsaue. Sie ist dieses Jahr durch und durch mit Kunst durchsetzt. Wir beginnen ganz hinten.

Writers Residency im China Restaurant. Die Frau die vor uns aus dem Bus aussteigt, sucht auch recht verzweifelt den Eingang in die Aue. Damit halten wir uns aber nicht auf und steigen einfach den Hang hinunter. Und da ist sie dann auch wirklich, die Kunst

Es folgt eine Erinnerung an die legendäre documenta von Harald Szeemann. Das mystische Wissen um die Welt in rätselhaften Bildern und Aufbauten auf dem Boden. Nachgestellt in einem kleinen Holzhaus. Reduziert aber irgendwie läuft es mir kalt über den Rücken. Ein wenig habe ich den Eindruck eintauchen zu können, den Atem des Wahnsinns und die Atmosphäre der Freiheit der Kunst zu spüren. Manchmal braucht es so wenig dafür.

Der Künstler des nächsten Werks sie an dieser Stelle verschwiegen. Er nimmt den Faden des Eingangskunstwerks zum Fridericianum auf. Am Eingang macht uns der Aufseher darauf aufmerksam, dass wir gerne durch das gesamte Glashaus gehen dürften, alles anfassen, überall hintreten. Nur bitte nicht in die braunen Sandflecken. Die seien nämlich Kunst. Natürlich, man könnte jetzt wieder in einen Diskurs einsteigen, historische Debatten führen und das Ganze in einen gesellschaftlichen Kontext stellen. Muss man aber nicht. Zum Glück.

Nicht so ganz weiß ich, was ich von Anna Maria Maiolinos Haus halten soll. Es ist weitgehend erhalten, so als wären seine Besucher eben erst zur Arbeit gegangen. Sind das Nudeln oder doch anders, was sie aus Lehm hundertfach nachgebildet und im ganzen Haus verteilt hat. Und die Türen im Obergeschoß, doch Wald versperrt. Als Österreicher hat man da doch recht schnell unangenehme Assoziationen. Aber spannend die Idee, interessant die Umsetzung.

Immer wieder streift unser Blick auch die Uhr. Anri Salas hat sie geschaffen. Sie steht mitten drin, am Anfang des Wassers. Und sie ist perspektivisch verändert. So wie eben auch die Zeit ganz oft. Mal vergeht sie schnell, mal langsam. Wenn man über sie nachdenkt, könnte man wahnsinnig werden. Weil sie ja ist, und da ist. Und dann ja doch auch wieder nicht. Und so vertraut und so fremd und was heißt überhaupt Unendlichkeit?

Zwischenstopp an Susan HillersJukebox und einmal „Die Gedanken sind frei“ gehört. Manchmal macht Kunst wirklich einfach nur Spaß.

Zur Krönung laufen wir noch in die Open Air Galerie kurz vor der Orangerie. Kunst ganz fein gearbeitet, klein und filigran folgt auf Klassik und Grobes. Zusammen ergeben sie ein wirklich schönes Ensemble, in dem es bei allen Gemeinsamkeiten so viele Unterschiede, und bei allen Unterschieden so viele Gemeinsamkeiten zu entdecken gibt. Dass wir dazwischen noch Toninstallationen, einen Turm aus Galgen, einen ziemlich anstrengenden Querflötenspieler, kleine bunte Bildchen, ein Becken mit wogender brauner Masse, einen Hügel, einen Baum mit an Vodoo erinnernden und doch afrikanischen Puppen, einen Film über den Holocaust und ein paar Dinge, die mir nicht mal mehr in Erinnerung sind, gesehen haben, will erwähnt werden. Und dass man wohl die Aue zwei volle Tage durchstreifen könnte, Rast in den Raststationen machen könnte und doch das Gefühl hätte, es gäbe noch so viel zu sehen.

Uns aber zieht es zu unserer Worldly Companion. Die junge Kunststudentin wird uns über den Bahnhof führen. Hauptbahnhof, heißt er ja offiziell. Mehr als Regionalzüge sieht er aber nur, wenn sie dort parken. Was er uns aber währen der documenta zu zeigen hat, ist ein würdiger Abschluss. Ein Sewing Room. Eine Nähwerkstatt aus Holz nachgebaut. In der Gruppe entwickelt sich eine Diskussion über die Bedeutung. Schließlich stehen da rechts davon Schaufensterpuppen in Anzügen. Männer. Geht es um die Unterdrückung der Frau? Den Wert der Arbeit? Lassen wir uns von der beeindruckenden handwerklichen Kunst über den künstlerischen Wert hinwegtäuschen? István Csákány, mein Jahrgang, wollte sich selbst nicht zu sehr darüber auslassen.

Es folgt…. ein Haufen. Ohne Erklärung wäre ich ziemlich ratlos. So weiß ich, dass im inneren mehrmals die Woche eine Art Realityshow nachgespielt wird. Aggressive Moderatoren, Kunstsprache, schräge Wände, vorgeführt werden. Irgendwie sieht das aus, als würde ich das wirklich mal gern miterleben. Ob ich mich darauf einlassen könnte? Keine Ahnung. Den Versuch wäre es wohl wert. Es kommt ein Film, in einer Dreiecksanordnung wird er spannender, als er sonst vielleicht ist. Über Breitenau. Konzentrationslager, später Erziehungsheim. Ein Ort, der die negative Energie aufgesogen zu haben scheint. Die Präsentation macht den Film von Clemens von Wedemeyer vielleicht noch interessanter. Die drei Filme, die es eigentlich sind. Im September soll er als ganzes Werk auf 3Sat zu sehen sein.

Bevor am Ende Lara Favarettos Schrottberg auf uns wartet, ist uns aber noch das für mich grandioseste Kunstwerk dieser Schau zu sehen. William Kentridge ist der Meister. Sein „Refusal of Time“ ist Film, ist Installation, ist Ton, ist Musik, ist ganzheitliches Schaudern. Ist immer mehr sehen wollen. Ist Geschichte, ist Zukunft. Ist Perpetuum-Mobile. Es ist komplex. Einen ganzen Durchgang zu sehen reicht wohl nicht – und für uns reicht noch nicht einmal die Zeit dafür. Eindrucksvoll. Berührend. Aber es ist schon so viel darüber geschrieben und gesagt worden. Dem ist nichts hinzuzufügen außer: Hingehen, hinsetzten, reinstellen, anschauen, zuhören, erleben. Danke, Mr. Kentridge!

In der Halle gehen einstweilen die Jalousien von Haegue Yang hoch und runter. Dann ruhen sie wieder. Sie nehmen die Linien der Halle auf, spielen mit dem einfallenden Sonnenschein. Gehören irgendwie hier her. Oder auch nicht. Sind zentral gesteuert und spielen in ihrer Choreografie miteinander. Hätte nur unser Companion uns nicht erzählt, dass sie das gleiche schon an einem anderen Ort gemacht hat. Ich hätte sie für die Verbindung von Kunst und Ort sehr bewundert.

Das war er dann wohl, der fröhlich-erfreulich, der spannend-erhebende zweite Tag der documenta 13. Wir gönnen uns noch ein spätes Mittagessen in der Bar ganz hinten am Bahnhof. Denn die Toninstallation am Gleis haben wir leider verpasst. Oder wurde sie nur vom Wind verweht? Wie so viele Erinnerungen an die Menschen, deren Gedenken sie aufrecht erhalten will? Musik am Bahnhof, mitten im Leben Gedenken an die Toten. Nicht im geschützten Konzerthaus. Musik am Abschiebegleis. Ein letzter Impuls zum Nachdenken. Und ein letzter Punkt, um die documenta nicht zu fröhlich zu verlassen. Aber in jedem Fall danken es Geist und Seele. Dass sie sich zwei Tage der Kunst widmen durften. Und dafür, dass es Menschen wie William Kentridge gibt.

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