Berlin + 30 Kilometer

Woltersdorf_8472C wurde 30. Definitiv eine Gelegenheit gemeinsam wegzufahren. Und wenn jemand 30 wird, was macht man dann? Genau. Man fährt an einen Ort, der genau 30 Kilometer von zu Hause entfernt ist. In unserem Fall heißt dieser Ort dann Woltersdorf. In 45 Minuten kommen wir mit dem Auto in einer anderen Welt an, direkt aus dem Büro, ohne Umweg. Wir haben uns ein Holzhaus ausgesucht. 4 Appartements gibt es dort, alle erst im Mai 2013 erstmals vermietet. Unseres heißt Schilfgrün. Holz an der Decke, Holz an den Wänden, Holz im Kamin. Oh ja, eines der schönsten kleinen Gadgets: Ein verglaster kleiner Kaminofen. Es dauert ungefährt 15 Minuten, bis wir uns am Sofa ausstrecken und weltvergessen das flackernde Feuer beobachten. Unser Haus am See. Am Flakensee.

Nur 30 Kilometer von zu Hause entfernt zünden wir also Feuer im Kamin an, sitzen am Fenster, schauen hinaus auf den Flakensee, machen einen dreistündigen Spaziergang um eben diesen See, trinken Tee an der Seepromenade. Wir schlafen lange, holen Brötchen vom Bäcker, suchen – fast vergeblich – den Supermarkt um neues Holz zu kaufen, frühstücken bis in den Nachmittag. Egal wie anstrengend die Woche war, egal wieviele Parties in Berlin über die Bühne gehen, wir vier sitzen mit Wein am Sofa, plaudern, fühlen uns wie in einer anderen Welt und kommen der Entspannung ganz nah. 45 Minuten bis Berlin? Kann nicht sein.

Woltersdorf_8447Das Aufregendste an diesem Wochenende ist unser Spaziergang um den Flakensee. Raus aus dem Haus – noch kurz überlegt, ob wir nicht doch die Fahrräder nehmen sollen – und einfach los. Vorbei an wunderschönen alten Villen, die langsam verfallen. Wir lassen den Campingplatz und den Sandstrand hinter uns. B grüßt brav jeden Menschen den wir am Weg treffen. Manche freuen sich, manche finden das fröhlich geschmetterte „Grüß Gott“ doch irgendwie befremdlich. „Am Land grüßt man doch noch“, meint B dazu. Am Land, ja. Berlin ist schließlich dort drüben, am anderen Ufer des Sees. In trauter Viersamkeit geht es vorbei an kleinen Mooren, direkt am Seeufer lang, über die Brücke nach Erkner. Ich war noch nie zuvor in Erkner. Jetzt weiß ich auch warum. Kurz vor dem Aldi-Parkplatz stehen vor einer KFZ-Werkstatt ein alter Wartburg, ein DDR-Feuerwehrauto und ein alter VW-Käfer. Ob es hier noch mehr Sehenswürdigkeiten gibt, bleibt uns verschlossen. Wir wandern durch das Neubaugebiet.
Hier wird Samstag Nachmittag brav Rasen gemäht, Holz gehackt, Auto gewaschen. Weiter geht es vorbei an originalen Plattenbauten. Es ist eine seltsame Mischung aus alter und neuer Spießigkeit. Und 250 Meter weiter erwartet uns wieder die Ruhe und Einsamkeit des Sees. Kurz vor Woltersdorf steht vor einer dieser anderen alten, fast verfallenen Villen eine Bücherkiste – zur freien Entnahme. Sollen wir uns für Honoré de Balzac oder für „Heiße Küsse am Nachmittag“ entscheiden? Und wer, außer uns, kommt hier eigentlich sonst noch vorbei? Stünde uns der Sinn nicht schon so sehr nach Tee, würden wir glatt noch das verfallene ehemalige Jugendcamp im Wald gegenüber erforschen. Die Fenster fehlen schon, ein Container ist abgebrannt. Die offiziellen Denkmäler stehen an anderen Orten, sehen anders aus. Schade eigentlich.

Schließlich fangen manche von uns an darüber zu philosophieren, ob so ein Haus am See nicht vielleicht doch genau das Richtige wäre. Ganz aus Holz, mit Whirlpool, Kamin und Sauna im Garten. Aber vielleicht gehören solche Überlegungen mit 30 oder 35 Jahren auch einfach dazu. Oder sind es doch die Nachwirkungen unseres Ausflug durch die Welt der real gewordenen Spießigkeit? Manchmal darf man das. Und wir haben ja leicht reden. Schließlich sind wir Sonntag um 15.30 Uhr wieder in Berlin, in Treptow, im Friedrichshain, am Prenzlauer Berg. Das heißt aber nicht, dass wir nicht schon mal geschaut hätten, ob das Appartement mit Whirlpool und Sauna nicht Ende Februar zufällig noch frei wäre….

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