Belgrad – auf der Suche nach Sarma

Wir kommen also mit dem Nachtzug im verregneten Belgrad in aller Frühe an. Alles grau und regnerisch, aber spannend und immerhin nicht kalt. Wir machen uns vom Hauptbahnhof zu Fuß auf den Weg zur Unterkunft. Unser Gastgeber ist schon da. Ein junger Serbe, der uns in einem etwas heruntergekommenen Altbau in den ersten Stock führt. Und obwohl wir die Fotos kennen, sind wir denn doch überrascht. Das ist tatsächlich eine Bar. Also, zumindest war sie es bis vor 6 Monaten. Jetzt vermietet er sie an Urlauber. Zentraler Raum bleibt aber die Bar, mit Theke, Getränkekühlschränken, Bartischen und Sofas. Wohnen einmal anders. Zwar haben wir alle auf der Fahrt ein wenig geschlafen, aber müde sind wir immer noch. Also erstmal ein Stündchen hinlegen.


Ich bin der erste, der kurz vor Mittag wieder aufsteht. Duschen und dann raus in die Stadt. Dieses leichte Prickeln, wenn man das erste Mal den Gang in eine neue Stadt antritt. Nimmt man die richtige Straße, was gibt es alles zu entdecken? Wie kucken die Leute. Jetzt fällt mir auch auf, wie genial unsere Wohnung liegt. Mitten in Zentrum, zwischen Staatstheater, Hauptpost und Rathaus. Und vom Balkon sieht man direkt auf alle drei. Ich bin beeindruckt.

Mit Brötchen, Milch und Marmelade mache ich mich auf zurück in die Wohnung. Die Anderen schlafen noch. Ich versuche mich also im Kaffee kochen. Das klingt leichter als es ist, weil durch die Kaffeemaschine einfach kein Wasser durch will. Also mit Sieb, Filter und aufgießen. Dabei fällt mir langsam auch auf, dass die Wohnung sehr cool ist, gut aussieht, aber dann doch schon bessere und vor allem sauberere Tage gesehen haben muss.

Nachdem irgendwann dann doch alle wach und geduscht sind, machen wir uns auf. Stadt erkunden. Ohne großen Plan und ohne Ziel laufen wir los. Links schauen, rechts schauen, nach oben, nach unten. So viel zu sehen. Belgrad scheint mit Budapest, Prag und Wien verwandt zu sein. Beeindruckende Gründerzeitbauten, dazwischen sozialistische Neubauten. Aber insgesamt sehr hübsch. Wir laufen über einen Markt, vorbei an Kirchen und immer weiter Richtung Fluss. Aber ist das jetzt die Save oder die Donau? Wir laufen ein Stück den Fluss entlang und dann auf die berühmte Festung rauf. Da oben ist dann auch egal, welche Fluss das ist – da unten fließen die beiden nämlich zusammen. Und wir haben den Touristen-Hotspot entdeckt. Wir hören englisch, spanisch, französisch und italienisch. Irgendwo noch ein paar Österreicher. Man findet sie also auch ohne Reiseführer.

In einer der Einkaufsstraßen gibt’s dann eine kleine Stärkung. Wir lassen die Menschen an uns vorbeiflanieren, träumen vor uns hin und fragen uns, wie man so eigentlich noch wissen soll, in welcher Stadt man sich gerade befindet. Paris? Berlin? Rom? Wien? Manchmal scheint es, man könnte es nur an den Biermarken auf den Sonnenschirmen der Cafés erfahren. Nach einem Schaufensterbummel machen wir uns auf die Jagd nach Essen. Wir wollen Sarma – Krautrouladen. Wir finden ein Lokal das aussieht, als gäbe es wunderbar bodenständig-serbische Küche. Und sie haben Sarma auf der Speisekarte. Wir also nichts wie rein – aber die Erfahrung die wir machen, sollte sich noch drei Mal wiederholen. Sarma? Nein, haben wir aktuell leider nicht. Den Abend verschlägt es uns erst eine ein Kneipe, die sich gut versteckt über eine Rampe und eine Treppe im Hinterhof einer Shopping-Mall versteckt. Nicht erst hier fällt uns auf: Die Menschen in Belgrad sind bei weitem nicht so freundlich wie die, die wir zuvor auf unserer Balkan-Reise getroffen haben. Sie sind reservierter, weniger kommunikativ. Selbst in dem Club in den wir dann gehen, bleiben wir unter uns. Aber auch die Jungs und Mädels scheinen sich nur mit ihren eigenen Freunden zu unterhalten. Wer hätte das gedacht.

Der nächste Tag beginnt spät. P und ich machen einen Abstecher zur Markus-Kirche. Davor und drin tummeln sich unzählige Menschen mit geschmückten Zweigen. Orthodoxe feiner Ostern ja später als wir, stimmt. Wie schon am Vortag wandern wir ziellos durch die Straßen, kehren in einer Kneipe ein und essen, was man so isst. Salat, Fleisch, Kartoffeln, Brot. Und hier spricht man rund um uns herum nur serbisch. Später wechseln wir die Flusseite. Novi Beograd. Ein architektonischer Versuch, wie so viele, ökonomisch Lebensraum zu schaffen. Zu seiner Zeit war der Stadtteil angesehen und wurde von den Stararchitekten der Welt bewundert. Auch heute hat es noch seinen Charme – einen ziemlich morbiden. Wieder die Sache mit den Schwingungen. C scheint sich diesmal besonders anstecken zu lassen und will nur noch weg. Vielleicht versteht man das, wenn man die Bilder sieht.

Abendessen. Wieder Sarma. Zumindest würden wir gerne. Sarma? Nein, haben wir leider gerade nicht. Es gibt stattdessen Schnitzel von der Größe eines Laptops. Für  und P gerollt und mit Käse gefüllt. Ein Wunder, dass wir uns nach dem obligatorischen Schnaps noch bewegen können. Aber es wartet noch ein Club. Wir haben nur eine ungefähre Ahnung wo der sein soll. Laufen durch die Straßen, fragen den Türsteher eines anderen Clubs, der uns freundlich Auskunft gibt. Und plötzlich stehen wir vor dem Haus, das wir gerade am Nachmittag schon fotografiert haben. Der Club ist in einer Altbauetage zu Hause. Ansonsten ist das Haus leer. Und ohne Tipp, hätten wir ihn wohl nie gefunden. Wie in Berlin zu seinen besten Zeiten. Junge, hippe Leute. Bunt Gemischt. Musik wie überall auf der Welt. Blick auf den Fluss. Freundliche Stimmung – wenn man davon absieht, dass auch hier niemand mit uns sprechen will. Aber der Club macht Spaß, könnte eben auch gut in Berlin zu Hause sein.

Er beginnt wieder spät, der Tag. Geweckt werden wir von einer Kundgebung vor unserem Fenster. Viele Menschen, viele Hunde. Wie wir der Tageszeitung entnehmen, demonstriert man gegen eine geplante Hundesteuer. Wir wohnen eben doch mittendrin, nicht nur dabei. Wir haben nochmal Zeit für Mittagessen. Sarma? Es ist kaum zu glauben. Im Keller des Hauses gibt es ein Restaurant, das wir die letzten Tage immer schon mal besuchen wollten. Die Chefin begrüßt uns fröhlich. Und serviert uns Sarma. Herz, Magen, was willst Du mehr. Sie schmecken ganz hervorragend. Und die fröhliche Chefin macht gute Laune. Hätten wir gewusst, dass es hier so nette Menschen gibt, und sie so nah bei uns zu finden sind…

Mit dem Taxi verlassen wir die Stadt und fahren zum Flughafen. Er erstrahlt im Charme der späten Tito- Jahre. Der General, er war auch so überall präsent. Und die Maschine der JAT, mit der wir zurückfliegen, dürfte auch noch seiner Zeit entstammen. Breite braun-blaue Sitze, brauner Teppichboden, früher durfte man hier noch rauchen. Und das Personal an Bord – es einfach nur mit Begeisterung bei der Sache. Sie dürften in früheren Zeiten gemeinsam Straßen gebaut haben, aber so sieht erfolgreiche Umschulung aus. Und sie sichern einen wunderbaren Abschluss unserer durchwegs abwechslungsreichen Balkan-Reise.

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